Alles Kuschelfußball oder was? – Teil 2

Gestern haben wir uns schon mir der in Schweden kommenden Kuschelliga in einem ersten Teil beschäftigt. Und unser Facebook Post dazu wurde heiß kommentiert.

Fast alle Kommentare hatten einen gemeinsamen Nenner: die Kinder sollen erfolgsorientiert Fußballspielen. Das gehört schließlich in unserer Gesellschaft dazu. Und sie sollen früh genug lernen, dafür zu kämpfen, erfolgreich zu sein.

Dabei sollte sich aber jeder Trainer und auch wir Eltern unbedingt eine wichtige Frage stellen, bevor mit seiner Jugendmannschaft auf den Platz geht: Was ist Erfolg?

Bin ich ein erfolgreicher Trainer, wenn ich mit meinen E- oder D-Junioren in jedem Spiel sieben oder acht Tore schieße und das Ergebnis manchmal sogar zweistellig wird?

Es kommt im Jugendbereich gar nicht mal so selten vor, dass man eine andere Mannschaft regelrecht abschießt. Doch was sagt so ein 8 : 0 oder 9 : 1 über die fußballerische Qualität der Spieler aus? Gar nichts. Spiele mit solchen Ergebnissen helfen weder den Siegern noch den Verlierern. Der starken Mannschaft wird es in so einem ungleichen Spiel viel zu leicht gemacht, zum Torerfolg zu kommen. Sie fährt einen Angriff nach dem anderen und wird in der Rückwärtsbewegung beim Verteidigen kaum gefordert. Der Trainings- und Lerneffekt ist verschwindend gering. Noch schlimmer schaut es beim unterlegenen Team aus. Über fast 40 Minuten stehen die Spieler hinten drin und verteidigen nur. Hinterher schieben die Verlierer Frust und verlieren neben dem Spiel womöglich auch noch den Spaß am Fußball. Solche klaren Ergebnisse dokumentieren keinen sportlichen Wettstreit. Erfolg ist in unseren Augen etwas anderes.

Des Weiteren sollte man sich als Trainer fragen, was man für seinen Verein eigentlich erreichen will.  Will ich Spieler ausbilden, die mit 18 Jahren Stützen der ersten Mannschaft sein können? Oder die es sogar noch weiter bringen? Oder will ich in der F- oder D-Jugend gute Ergebnisse einfahren? Noch immer wirkt sich in den meisten Fußballvereinen eine aufs Gewinnen fixierte Denkweise auf die Ausbildung von Kindern aus. Wie oft haben wir erlebt, wie bereits in der F- und E-Jugend sogenannte Derbys gegen den Nachbarverein von Trainern und Eltern mit einer enormen Bedeutung aufgeladen werden. Diese Spiele müssen gewonnen werden. Um jeden Preis. Es geht schließlich um die Ehre.

Was sich dann in solchen Begegnungen abspielt, hat wenig mit Fußball zu tun. Die Kinder spielen aus Angst vor Fehlern Sicherheits- und Alibipässe, der Ball wird nach vorne gebolzt. Diese mit vollkommen unnötiger Brisanz aufgeblasenen Spiele werden ausschließlich über den Kampf entschieden. Wer gewinnt also am Ende? Die Mannschaft mit den kräftigsten Spielern. Das sind aber nicht immer die besten Fußballer. Wie kräftig ein Kind ist, ist reiner Zufall, abhängig vom wahrscheinlich frühen Geburtsmonat und dem biologischen Alter.

Unserer Meinung nach ist es falsch, sein Wirken als Trainer einzig und allein an Spielergebnissen abzulesen. Und wir möchten auch Eltern ans Herz legen, bei der Auswahl des richtigen Vereins für ihr Kind nicht nur darauf zu achten, ob die Mannschaften oben in der Tabelle stehen. Dort finden sich nämlich meist nicht die Vereine mit den besten Trainern und der besten Ausbildung, sondern Vereine, die sich mit unnötiger Selektion und überzogenem Leistungsdruck an die Spitze setzen.

Wohin dieses reine erfolgsorientierte Tabellendenken in den Vereinen führen kann, zeigt sich an den zwei Beispielen Kevin Großkreutz und Marco Reus. Beide wurden in der B-Jugend bei Borussia Dortmund mit dem Verweis auf körperliche Defizite aussortiert beziehungsweise baten um einen Vereinswechsel, weil sie nicht auf die gleiche Spielzeit kamen wie kräftigere Jugendliche gleichen Alters. Beide Spieler befanden sich im Alter von 15 Jahren in einer Phase, in der ihre körperliche Entwicklung noch mitten im Gange war und in keiner Weise absehbar war, wohin sie wirklich führt. Über den Umweg Ahlen und bei Marco Reus zusätzlich Borussia Mönchengladbach fanden beide Spieler wieder zu ihrem Heimatverein zurück. Doch wir möchten gar nicht wissen, wie viele hoffnungsvolle Talente die Lust am Fußball vielleicht ganz verloren haben, weil ihre Vereine keine Geduld hatten und bereits in der C- oder B-Jugend unbedingt um die Meisterschaft mitspielen mussten. Reus und Großkreutz hatten dabei noch Glück im Unglück. Die meisten Spieler kehren nach dem »Abenteuer« Lizenzverein in ihre Heimatvereine zurück, in denen auch in der C- und B-Jugend immer nur zweimal die Woche trainiert wird. Doch sobald die Pubertät einsetzt, reicht das den Kindern nicht mehr. Sie sind nicht ausgelastet, und auch das führt häufig dazu, dass Kinder mit dem Fußball aufhören. Reus und Großkreutz standen dagegen auch in Ahlen viermal in der Woche auf dem Trainingsplatz und konnten sich entsprechend weiterentwickeln. Trennen Sie sich davon, als Trainer Erfolg einzig und allein am Spielergebnis abzulesen. Selektieren Sie nicht und widmen Sie sich jedem Kind mit derselben Aufmerksamkeit und Hingabe.

Wir als Trainer freuen uns, wenn wir sehen, welch hervorragende Spieler sich in den Mannschaften, die wir über einen Zeitraum von fünf, sechs oder sieben Jahren betreuen, entwickeln. Spieler, die durch uns den Sprung in die U-Mannschaften von Profivereinen wie Bayern München oder 1860 München geschafft haben und dort nicht nur auf der Bank sitzen, sondern tatsächlich in der Startelf stehen. Wir sind zufrieden, wenn wir sehen, dass die Kinder Tricks und im Training einstudierte Spielzüge erfolgreich anwenden und dass sie – weil sie technisch und taktisch in Ruhe reifen konnten – selbst gegen starke Gegner auf Ballbesitzzeiten von 70 bis 80 Prozent kommen. Wir sind glücklich, wenn wir merken, wie unsere Kinder auf und neben dem Platz füreinander einstehen, oder wenn wir bei einem Vereinsfest erleben, wie ein Vater seinen 15-jährigen Sohn, der in einer unserer Mannschaften kickt, fragt, ob er heute nicht mal ein Radler trinken wolle, und unser Spieler entrüstet antwortet: »Aber Papa, ich bin doch Sportler!«

Das alles sind Erfolge, die wir als Trainer anstreben.

Fazit: Es geht um Kinder- und Jugendfußball. Die jungen Spieler sollen ausgebildet werden und so die Chance haben, technisch, koordinativ und taktisch gute Spieler zu werden. Dafür muss es als ausbildungsorientierter Kinder- und Jugendfußball verstanden werden, und nicht als Champions League. Erfolg und Gewinnen gehört dabei wie das Verlieren Lernen unbedingt dazu. Eine radikale Lösung wie in Schweden darf es nicht geben, sonst geht ein Grundpfeiler des Spaßes am Fußball verloren. Aber wir haben es selbst in der Hand, dabei den richtigen Weg zu finden und Erfolg nicht immer gleichzusetzen mit dem möglichst hohen Ergebnis am Wochenende und dem Tabellenplatz. Gewinnen ja, aber nicht um jeden Preis.

In diesem Sinne eine gute Fußballzeit

Euer Michi

Ein Gedanke zu „Alles Kuschelfußball oder was? – Teil 2

  1. Manuel

    Hallo, auch wenn der Beitrag älter ist.

    Am Anfang war ich Eurer Meinung, allerdings muss ich mittlerweile konstatieren, dass die Lösung nicht so radikal ist, wie Ihr schreibt, da Kinder bis zum Alter von 12 genauso ehrgeizig ohne Tabelle sind. Und um die Sicht der Kinder geht es doch, oder?
    Spätestens nach dem nächsten Spiel, ist den lieben Kleinen das Ergebnis von vor 2 Monaten völlig egal. Unsere Jungs haben vor der Pubertät (meine Erfahrung) maximal einen Horizont von ca. 2 Wochen nach vorne und hinten.
    Dieses Blicken auf eine Tabelle, die Leistungsstände über Zeiträume von 1 Jahr wiedergibt, wird von uns Erwachsenen induziert. Kinder haben solche Zeiträume nicht, alles was über ein paar Wochen rausgeht ist für sie zu abstrakt.

    Die einzelnen Spiele haben außerdem ein Ergebnis, über das die Kinder sich freuen und ärgern. Einige Kommentare lesen sich so, als hätte man das Tore schiessen verboten. Die Kinder wissen weiterhin ganz genau, wer gewonnen hat und wer nicht.
    Es wird halt nicht beim „Erwachsenenregister“ gemeldet, bzw. nachgehalten, insofern kann ich nicht mehr erkennen, wie hier ein Grundpfeiler des Spaßes verloren gehen soll. Man kann weiterhin Turniere oder Leistungstests machen, halt außerhalb des Spielbetriebs.

    Mit der dann eintretenden Pubertät und dem verbundenen „Erwachsenen werden“ kommen auch bei den Schweden die Tabellen auch zurück.

    Das Ganze gibt den schwedischen Trainern mehr Freiheit und nimmt Druck im Alltag. Hier gelten all die Argumente, die auch bei uns in der G- und F-Jugend zählen und tatsächlich im Großen und Ganzen eine echte Verbesserung herbeigeführt haben
    (wenn man jetzt nur noch die ‚Neu‘-Trainer etwas mehr schulen würde)

    Gerade aus Ausbildungssicht würde ich den Schweden daher mittlerweile recht geben, eventuell würde in Deutschland U12 oder U13 besser passen, aber die Richtung stimmt.

    Ganz besonders auch mit Blick auf die bis zu diesem Alter sinnvolle Rotation oder den Relative-Age-Effekt (ein Trainer kann leichter mehr „junge“ Talente mitziehen) macht das absolut Sinn!

    VG

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