Alles Kuschelfußball oder was?

Wir haben es ja bei Facebook bereits veröffentlicht: Schweden schafft ab der kommenden Saison im Jugendbereich Tabellen und damit die Ergebniswertung bis einschließlich zum U 14 Jahrgang ab! Als ich diese Meldung im Radio so nebenbei hörte, war ich als Fußballtrainer erst mal nur überrascht. Überrascht war ich aber auch, dass dieses Thema in der Presse und damit in der Öffentlichkeit in Deutschland kaum jemand zu interessieren scheint. Dabei  dachte ich, dass dies, wie so Vieles, was die Ausbildung und Erziehung unserer Kinder betrifft, schon zumindest ein diskussionswürdiges Thema ist. Aber nichts…das konnten wir in der Münchner Fussball Schule kaum glauben und posteten bei Facebook nur mal die Meldung aus der Schweizer Zeitung Blick. Und schon ging es los und es wurde viel kommentiert und diskutiert. Hatten wir uns doch nicht getäuscht: dies ist ein bewegendes Thema, auch hier bei uns in Deutschland. Und als wir die Kommentare gelesen haben, konnte wir doch schnell einen Überblick über die fast einheitliche Meinung gewinnen. Mit Schlagworten wie Weicheigesellschaft, Siegermentalität oder Umgang mit Niederlagen zeigten unsere User den Schweden ganz klar die rote Karte.

Und dennoch lässt uns eine Frage nicht los: Warum machen die Schweden das? Warum gehen sie einen so drastischen und radikalen Weg? Macht es Sinn so zu denken, oder würden wir unseren Kindern in der fußballerischen Ausbildung damit schaden? Auch bei uns gibt es ja Dinge wie Fair Play Liga oder Freundschaftsrunden. Und auch bei uns gibt es in manchem Verein große Hinweistafeln, dass man bei einem F-Jugendspiel und nicht in der Champions-League ist. Und das nicht ohne Grund.

Wir haben jetzt nicht herausfinden können, warum die Schweden einen wie erwähnt sehr radikalen Weg gehen. Wir haben aber eine Vermutung. Dies hat, so denken wir, viel mit Dingen zu tun, die auch bei uns Einzug gehalten haben und die eben zu Entwicklungen wie der Fair Play Liga geführt haben.

Wir denken, es geht um das bei Eltern und Trainern immer stärker ausgeprägte Erfolgsdenken im Jugendfußball, das auch unserer Meinung nach der Ausbildung von Kindern im Weg steht.

Denn das führt zu den uns bekannten Szenen am Wochenende. Es wird oft gar nicht versucht, die Jungs und Mädels Fußball technisch spielen zu lassen. Stattdessen muss das Spiel dringend gewonnen werden, weil es ja gegen den Tabellenzweiten geht…“und wenn wir das gewinnen, sind wir Zweiter und haben dann noch eine Chance, Meister zu werden.“ Und weil das Spiel unbedingt gewonnen werden muss, werden zunächst nur die körperlich größten und die schnellsten Spieler aufgestellt und der Rest muss auf der Bank Platz nehmen und wird dann vielleicht noch 5 Minuten vor Ende eingesetzt. Ansonsten wird dann massiv verteidigt und wenn der Ball erobert wurde, folgt ein langer Ball nach Vorne auf den pfeilschnellen und zufällig auch noch schussgewaltigen Spieler, der sich locker durchsetzt und ein Tor nach dem anderen schießt.

Bitte nicht falsch verstehen: wir finden auch, dass die Kinder das Spiel gewinnen sollen und dass man als Team auch alles Sinnvolle unternehmen sollte, dies zu tun. Sinnvoll ist es aber, die Kinder dabei Fußballspielen zu lassen, sie auszubilden. Das ist unser Auftrag. Mit langen Bällen in die Spitze auf den schnellen Stürmer, lernt kaum ein Spieler was. Weder sauberes Dribbling, noch Passspiel, noch Finten werden so gelernt. Manche Spieler bekommen so überhaupt gar keinen Ball und haben kaum Ballkontakte, um zu lernen und um besser zu werden.

Oder an dieser Stelle ein persönliches Erlebnis: eine 3 minütige lautstarke und am Ende sehr emotional aufgeladene Diskussion von gegnerischen Eltern und Trainern, ob der kleine Spieler mit 8 Jahren und mit der Nummer 6 auf dem Rücken jetzt einen falschen Einwurf durchgeführt hat oder nicht. Was soll das? Geht es jetzt darum, ob der Junge einen richtigen Einwurf lernt oder ob er den Ball sauber an- und mitnehmen lernen soll? Am Ende stand in diesem Fall sogar eine kleine Ausschreitung mit Regenschirmen! Das kann doch nicht wahr sein. Und wir wissen mittlerweile, dass solche Erlebnisse keine Einzelfälle mehr sind.

Wir denken, dass die Schweden vielleicht genau dem entgegenwirken wollen. Eine sehr radikale Entscheidung, die nach dem Mittel der letzten Wahl klingt. Auf Facebook haben unsere User klar entschieden: das ist Schwachsinn, es bringt gar nichts und gibt den Kindern eine falsche Botschaft mit auf den Weg.

Wir müssen an dieser Stelle sagen, dass wir diesen Weg, den Schweden jetzt einschlägt, auch nicht gut finden. Dies ist zu extrem, der Mittelweg wäre unserer Meinung nach der Beste. Tabellen und Ergebniswertung machen schon Sinn, schon allein der Organisation aller Spiele und Mannschaften wegen. Aber wir finden, dass dem schlicht zu viel Bedeutung beigemessen wird. Natürlich sollen junge Spieler in der Ausbildung gewinnen dürfen und verlieren lernen. Und wir als Trainer und Eltern sollten sie in beiden Fällen positiv unterstützen. Aber es gilt unserer Meinung nach zwei Dinge unbedingt zu beachten:

  1. Gewinnen ja, aber nicht um jeden Preis. Schon gar nicht um den Preis der technischen und taktischen Ausbildung der jungen Spieler.
  2. Und wenn man mal ein Spiel verliert, dann geht die Welt nicht unter und wir wollen daraus lernen und besser werden.

In einem zweiten Teil dieses Blogs wollen wir uns einer wichtigen Frage in dieser Diskussion stellen: Was ist eigentlich Erfolg?

Bis dahin eine gute Fußballzeit

Euer Michi

2 Gedanken zu „Alles Kuschelfußball oder was?

  1. Alex

    Servus,

    also ich kann die Aufregung nicht ganz verstehen. In Österreich gibt’s diese Modell auch schon seit Jahren. Und ich als Kindertrainer (U8) bin auch oft hin- und hergerissen da ich die Einstellung habe, wenn ich auf den Platz gehe, will ich auch gewinnen. Egal ob U8 oder Erste Mannschaft. Aber die Ziele sind eindeutig Spaß und Entwicklung im Fussball.

    In der Praxis läuft es aber so, dass bei den Turnieren (U6-U9) jeder Trainer mit schreibt und die Kids auch sehr wohl wissen welchen Platz sie erreicht haben. Ihnen dann zu vermitteln, dass das eigentlich „Wurst“ ist, ist im Falle des Gewinnens oft schwierig. Wir haben im Jahr 2015 8 von 11 Turnieren „inoffiziell“ gewonnen, können damit aber nicht „angeben“. Allerdings sind wir bei 2 Turnieren außerhalb der Meisterschaft offiziell Turniersieger geworden, was den Jungs unterm Strich dann aber auch egal war !

    Für die Verlierer hingegen ist dass dann nicht mehr dramatisch und genau darum sollte es gehen. Ich ertappe mich auch selbst immer wieder die Jungs zum Erfolg anzutreiben, obwohl Spaß und Entwicklung im Vordergrund stehen sollen. Die berühmte Anweisung „spiel ab!“ hört man von mir auch ständig, obwohl wir als Trainer dazu angehalten sind das bleiben zu lassen. Theorie und Praxis sind halt doch zwei paar Schuhe.

    Was aber mit dem System hauptsächlich bezweckt werden soll ist, dass der Druck – vor allem der Eltern – raus genommen wird. Das funktioniert in der Praxis aber selten, da es sich Eltern meist nicht nehmen lassen von der Seitenlinie oder Tribüne Ihr Kind anzuschreien und oft gegensätzliche Anweisungen zum Trainer reinbrüllen. Man kann es ihnen noch so oft sagen, aber manche Eltern halten sich einfach nicht dran. Und die Trainerkollegen die ebenfalls starke Nachwuchsteams trainieren sind auch zu 100% erfolgsgetrieben.

    Aus meiner Praxis musste ich aber erst letztes Wochenende wieder feststellen, wenn ich Druck aufbaue spielen die Jungs wesentlich schlechter als ohne. Meine Ansprache vor dem letzten Spiel „Wenn wir das jetzt gewinnen, sind wir Turniersieger“ führte dazu, dass die Jungs nicht mehr miteinander spielten sondern jeder für sich meinte das Spiel gewinnen zu müssen und somit ging das Spiel mit 0:2 in die Hose. Bei der Rückfahrt war’s aber für die Jungs schon wieder vergessen. Der Trainer allerdings hatte noch den ganzen Tag daran zu knabbern ….

    In diesem Sinne schöne Feiertage und macht weiter so. Ich habe schon viele Eurer Übungen umgesetzt und bin ein begeisterter Anhänger Eurer Seite!

    Alex

    Antworten
    1. Michi Schuppke Beitragsautor

      Hallo Alex

      vielen Dank für deinen KOmmentar und Danke für das Lob! Dir auch schöne und erholsame Feiertage!

      Viele Grüße

      Michi

      Antworten

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