Taktische Spezialisierung im Fußball- Die Gefahr der Berechenbarkeit!

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In der Bundesliga sieht man immer häufiger eine Spezialisierung der Teams auf eine bestimmte Spielphilosophie. Sei es der FC Bayern, der überwiegend auf Ballbesitz setzt, oder der VFB Stuttgart und Bayer Leverkusen, die sich fast ausschließlich auf das schnelle Umschaltspiel spezialisieren. Eine Spezialisierung hat den kurzfristig großen Vorteil, dass die Spieler bestimmte Automatismen schneller verinnerlichen und somit gemeinsam diese eine Spielphilosophie taktisch in Perfektion umsetzten können. Das große Problem dabei ist die Berechenbarkeit für den Gegner. Der Gegner weiß nach vielen Beobachtungen der Spiele genau, wo die Stärken und vor Allem die Schwächen des Systems liegen. Dann kann man das Spiel durch taktische Maßnahmen so gestalten, das dieses einstudierte System einfach nicht mehr greift. Es wird ausgehebelt und der Gegner findet dann keine Antwort darauf. Betrachten wir dazu einmal den VFB Stuttgart.

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Befindet sich der VFB in Ballbesitz, so wird das Spiel nicht häufig verlagert, um offene Räume für einen erfolgreichen Angriff zu finden. Sondern der Ball wird schnell auf der Ballseite in die Spitze gespielt. Dazu orientieren sich fast alle offensiven Spieler auf diese Seite, um den Raum dort mit möglichst vielen Spielern zu besetzen, um dann wiederum dort in Überzahl angreifen zu können.

Nun entstehen zwei Szenarien:

  1. Das Team kombiniert sich in sehr engem Raum durch die gegnerische Abwehr durch und erhält eine Torchance durch schnelles Spiel in die Tiefe.
  2. Der Ball geht verloren. Für diesen Fall sind alle Spieler in Ballnähe bereits vorbereitet und üben ein maximal intensives Gegenpressing auf den Ball aus, um dann bei Ballgewinn gegen einen kurz unsortierten Gegner umzuschalten. Manche Trainer gehen sogar soweit, dass sie die eigenen Spieler dazu auffordern, einen absichtlichen Fehlpass auf einen der beiden gegnerischen  Innenverteidiger zu spielen, um dort sofort in das Gegenpressing zu kommen. Dabei soll der Spieler den Ball mit möglichst schlechter Qualität spielen, um einen Fehler in der Ballannahme des Innenverteidigers zu provozieren. Daraufhin erfolgt sofort das eben erwähnte intensive Pressing.

Und bei gegnerischem Ballbesitz? Ist der Gegner in Ballbesitz so wird sehr hoch verteidigt und durch ein gelenktes Pressing eine Balleroberung nah am gegnerischen Tor anvisiert, um von dort aus blitzschnell umzuschalten.

Das System ist gut durchdacht und greift auch immer wieder sehr gut. Der VFB Stuttgart hat tatsächlich nach dem FC Bayern die meisten Torchancen in der Bundesliga. Aber warum machen sie dann daraus so wenig Tore? Die Antwort: es entstehen offensichtlich durch dieses System jedoch auch entscheidende Probleme und Gefahren.

  1. Die Spieler des  VFB Stuttgart machen während eines Bundesligaspiels  die meisten Sprints und bieten auch die höchste Laufleistung in km im Bundesligavergleich auf. Die Spieler sind so intensiv mit Pressing, Umschalten und Gegenpressing beschäftigt, dass auf Grund der hohen Intensität die Torabschlüsse in eher ermüdetem Zustand erfolgen müssen.  Außerdem steigt durch durch diese tendenziell größere Erschöpfung die Gefahr, dass in der Defensive einfache Abspielfehler oder Fehler in der Ballverarbeitung passieren. Das Spiel wird somit unkontrollierbar. Die Folgen: durch jede nicht verwertete Torchance sinkt das Selbstvertrauen der offensiven Leute. Durch jeden einfachen Individuellen Fehler in der Defensive sinkt das Selbstvertrauen der Abwehrspieler.
  2. Eine zweite große Gefahr besteht darin, dass bei diesem System das Team sehr hoch aufrückt und mit vielen Spielern in Ballnähe ist. Schafft es der Gegner, das Pressing zu überspielen, so entstehen enorm große Räume für den Gegner und die Verteidiger werden  relativ oft mit schnellen Kontern überrollt.

Die Strategie des Gegners könnte demnach darauf ausgelegt sein, den Ball einfach direkt hoch aus der Gegenpressingaktion auf den ballnahen Stürmer zu spielen, um zum einen den schnellen Konter des VFB zu vermeiden und zum anderen selbst eine vorab einstudierte Konterchance zu bekommen. Dabei wird der Raum für das Herausspielen des Balles in der Spielvorbereitung abgesprochen, so dass sowohl der Stürmer als auch der zugepresste Spieler stets weiß, in welchen Raum der Ball ungefähr gespielt wird. Von dort aus schalten die drei offensiven Spieler blitzschnell nach vorne um.

Mit Hilfe einer solchen Strategie bekommt der VFB die gewünschten Umschaltsituationen erst gar nicht. Ganz im Gegenteil. Das Team des VFB wird aufgrund der vielen hochpostierten Spieler, die darauf warten in das Gegenpressing zu gehen, mit einem Ball überspielt und ist plötzlich selbst extrem anfällig für Konter.

Bei eigenem Ballbesitz, und somit im Spielaufbau gegen das einstudierte Pressing des VFB, sollte auch versucht werden, schnell über die Linien in die Spitze zu spielen, um nicht in den Umschaltprozess des VFB „ hineinzulaufen“. Demnach wird bereits der erste oder zweite Ball auf die 10 oder auf die Spitze gespielt und dahinter der Raum verdichtet. Auf diese Weise wird die komplette Umschaltstrategie des VFB ausgehebelt.

Noch schlimmer wird es, wenn wir die Langfristigkeit dieser Strategie bertrachten. Dies wollen wir euch dann in einem zweiten Teil zur taktischen Spezialisierung näher erklären.

Bis dahin eine gute Fußballzeit!

Euer Faxe

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