Spielbeobachtung U19 Youth League – Real Madrid legt Ausbildungsdefizite des FC Bayern offen

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Vergangene Woche verlor die U19 des FC Bayern mit 2:3 gegen Real Madrid in der UEFA Youth League und schied damit im Achtelfinale aus. Ein enges Ergebnis. Dies täuscht aber über Vieles hinweg.

Denn dabei spielte Real Madrid fast eine komplette Hälfte in Unterzahl. Bayern konnte dabei nur in den ersten 25 bis 30 Minuten überzeugen. Mit hohem kämpferischen und läuferischen Aufwand sowie guten, schnellem und aggressiven Pressing wurde Real früh unter Druck gesetzt. Hieraus entstanden viele gute Möglichkeiten für Bayern. Danach übernahm Real aber immer mehr das Spiel und gewann verdient – trotz Unterzahl.

Hinterher konnte man der Presse entnehmen, dass laut den Verantwortlichen des FC Bayern Kleinigkeiten ausschlaggebend waren. Am Ende siegt die größere Zielstrebigkeit und Effizienz. Ist das wirklich der Grund für die Niederlage?

Ja, Real war extrem zielstrebig und extrem effizient in der Umschaltbewegung und im Torabschluss. Dabei bleibt folgende Frage unbeantwortet. Wodurch ergibt sich denn Zielstrebigkeit und Effizienz im Fußball? Beide Eigenschaften sind das Ergebnis hoher Grundschnelligkeit und herausragender Technik. Nur so kann ein Spieler, ein ganzes Team nach Balleroberung schnell und v.a. zielgerichtet umschalten. Pässe oder Dribblings im Konter müssen sauber gespielt werden, sonst ist der zeitlich kurze Vorteil im Konter schnell wieder weg.

Bei der Beobachtung des Spieles war offensichtlich, dass Real über mindestens 7 Spieler verfügt, die eine herausragende Geschwindigkeit gepaart mit annähernd perfekter Technik besitzen. Dabei fielen besonders der Rechtsverteidigter Sergio Lopez, die zentralen Mittelfeldspieler Alberto Fernandez, Oscar Rodriguez, sowie die beiden Flügelspieler Cesar Gelabert und Miguel Baeza neben dem Stürmer Daniel Gomez auf.

Im Vergleich dazu fand man beim FC Bayern nur den technisch auffällig guten Adrian Fein sowie den Stürmer Jeong Wooyeong. Beide verfügen über eine gute Technik, jedoch nicht über ein herausragendes Tempo. Leider muss man sagen, denn gerade Adrian Fein, der extrem Ballsicher ist, wäre damit fast schon weltklasse.

Somit entscheidet in unseren Augen alleine schon der bemerkenswerte Unterschied in den individuellen Fähigkeiten der Spieler zwischen Real und Bayern das Spiel.

Für uns stellt sich dabei die Frage, woraus dieser enorme Unterschied resultiert.

Da Madrid über 3,16 Millionen Einwohner verfügt und damit ungefähr mehr als doppelt so viele Einwohner hat wie München, könnte ein Unterschied in der Anzahl der Talente festgemacht werden. Wenn dies der einzige Grund wäre, müsste Bayern aber über mindestens 3 Talente dieser Qualität verfügen. Somit müssen noch andere Gründe eine Rolle spielen.

Wir behaupten, dass hier sowohl das Scouting – Profil als auch die individuelle technische und athletische Ausbildung der Spieler eine große Rolle spielen.

Letzteres haben wir hier in unserem Blog schon ausreichend diskutiert. Stichworte: mangelnde Individualisierung und Spezialisierung sowie fehlende hauptamtliche Trainer im Grundlagenbereich.

Bleibt also noch das Scouting. Es scheint offensichtlich, dass die Spieler generell nach falschen Kriterien gescoutet werden. Dabei spielt unserer Meinung nach die Körpergröße und die physische Komponente eine zu große Rolle. Wobei es für uns überraschend war, dass die Spieler nicht ausreichend schnell sind. Denn dies hätten wir eigentlich erwartet. Wenn man ein paar Jahre davor nach physischen Gesichtspunkten sichtet, dann sollten die Spieler doch auch schnell sein. Aber hier gab es bei Bayern eigentlich kaum einen Spieler, der mit der Grundschnelligkeit der Madrilenen annähernd mithalten konnte.

Dies lässt sich aus unserer Sicht nur so erklären. Wenn das Scouting im Grundlagenbereich und im frühen Leistungsalter auf körperlich große, durchsetzungsstarke und damit akzelerierte, also biologische weiterentwickelte Spieler ausgelegt ist, täuscht dies als Momentaufnahme über die tatsächliche Grundschnelligkeit eines Spielers hinweg. Denn somit erscheint der Spieler im Vergleich zu seinen Altersgenossen nur als sehr schnell, weil er früher entwickelt ist als die anderen. Sobald die anderen Spieler biologisch aufholen, ist dieser im Vergleich nicht mehr so schnell, als dies früher wirkte. Das Scouting sollte demnach nicht primär auf die Körpergröße ausgelegt sein, sondern auf die Grundschnelligkeit eines Spielers in Relation zu seinem biologischem Alter. Zudem muss der Spieler technische Fähigkeiten, Spielwitz und Spielintelligenz aufweisen. Und er muss die Fähigkeit haben, Dinge schnell zu lernen. Neues also schnell zu adaptieren und dafür ein hohes Maß an Lerngeschwindigkeit besitzen.

Ein Zuschauer neben uns hat es auf den Punkt gebracht. Ein Spieler wie die Nummer 7 von Real Madrid (Alberto Fernandez; Siegtorschütze zum 2:3), mit einer Körpergröße von ca. 1,55 Meter und kaum physischer Präsenz, hätte es in Deutschland wohl kaum bis in die U19 einer NLZ Mannschaft geschafft. Er wäre schon früh durch das Raster gefallen. Dabei ist er eben heute einer der besten bei Real Madrid mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und brillanter Technik. Ein absoluter Topspieler!

Es braucht zunächst mal ein Scouting, das langfristig angelegt ist und nicht den kurzfristigen Erfolg im Blick hat. Körperlich früh entwickelte und damit große Spieler gewinnen bis mindestens zum Beginn der Pubertät Spiele. Doch das Scouting darf nicht danach ausgelegt sein. Sondern muss den oben genannten Kriterien entsprechen. Egal wie akzeleriert oder retardiert der Spieler gerade ist.

Am Ende müssen wir konstatieren, dass es trotz Überzahl des FC Bayern ab der 47. Minute einen großen Unterschied zwischen den beiden Teams gab. Von Kleinigkeiten jedenfalls, die das Spiel entschieden haben sollen, kann nicht die Rede sein.

Eine gute Fußballzeit!

Euer Faxe

Gedanken zu “Spielbeobachtung U19 Youth League – Real Madrid legt Ausbildungsdefizite des FC Bayern offen

  1. Ben Wirth

    Hallo Trainerteam,

    eine super Analyse. Ich hoffe ihr schickt das auch dem FC Bayern… ob Sie es kapieren (wollen) ist natürlich eine andere Frage.
    Herzliche Grüße
    Ben Wirth
    (Vater von Rocco Wirth der schon jede Menge Camps bei Euch gemacht hat)

    Reply
  2. Sedat Kosgin

    In Ihrem Bericht schreiben Sie, dass die Auswahlkriterien überarbeitet werden sollte. Da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Bis vor Kurzem spielte mein Sohn noch in einer Stützzunktsauswahl. Als Jahrgänge 2003 und 2004 zusammengelegt wurde, musste das Trainerteam sich von der Hälfte der Mannschaft trennen.

    Als einer der schnellsten 2004er in seiner Fegion, würde mein Sogn „zunächst“ aussortiert, weil er körperlich nicht so ausgeprägt war, wie die anderen 2004er.
    Obwohl er mit seiner Schnelligkeit, Technik und Kampfstärke mithalten konnte, würde das „schwer“ werden, wenn der Gegner ihm seinen starken Körper in den Weg stellen würde.
    Man sieht sich zweimal im Leben. Auch er wird älter und größer. Dann werden wir sehen, wer die bessere Wahl gewesen wäre.
    Danke und Grüße

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  3. Thomas Ackermann

    Hallo Faxe,

    wieder mal alles auf den Punkt gebracht. Deine Theorie lässt sich übrigens auch im Inland belegen. Wenn Du das nächste Mal in Stuttgart vorbei kommst, fahre bei der VfB Geschäftsstelle vorbei und sage nur KIMMICH. Den hielt man seinerzeit als zu klein, nicht durchsetzungsfähig etc. pp. Man wurde eines Besseren belehrt.
    Neulich musste ich bei den CL-Spielen wieder mal an Euch denken. Ballannahme/mitnahme und Torabschluß. Gerade in der Königsklasse: Annahme mit dem 1. Kontakt auf links, Torschuß mit rechts. Wenn ich da sehe was der ein oder andere deutsche “Topspieler” fabriziert: 1 Haken, 2 und noch einen und rum kommt dabei nix. Tempo erhöhen, wieder verlangsamen, Ball halten und wieder einen Aufbau von vorne. Ich habe das Spiel nicht gesehen, kann mir aber vorstellen wie die Madrilenen die Bayern Junioren auseinander genommen haben. Man kann nur hoffen, dass ein Umdenken stattfindet. Ich denke die Zeit des deutschen “mit Kampf zum Sieg”-Fussballs der 80/90er ist vorbei.
    Wenn man bedenkt dass ein Spieler rund 13 Jahre ausgebildet wird (Annahme mit 5 Jahren Eintritt in den Verein), ist es für mich erschreckend was hinten rauskommt. Ich selbst habe 4 äußerst talentierte Spieler aus dem Großraum Stuttgart über Jahre bei unseren Spielen erlebt und deren Weg in die BL verfolgt. Das System muss sich nicht an seiner Talentförderung sondern an dem was am Ende rauskommt messen lassen. Keiner der 4 Spieler (heute alle 17/18 Jahre alt) hat sich nach dem z.T. mehrfachen Wechsel ab den D-Junioren wesentlich verbessert bzw. dazugelernt. Und das obwohl das Talent offensichtlich war. Stattdessen wurden die Jungs für Positionen umfunktioniert und deren kindlicher Spielwitz begraben.

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