Eine Bitte an den Verband – Praxisorientierte Lehrgänge für Jugendtrainer!

Ein Teil unserer Trainerausbildung waren auch Lizenz-Schulungen beim Verband. Eine durchwachsene Erfahrung.

Während der oft stundenlangen Vorträge über Trainingslehre, Sportmedizin und Sportpsychologie haben wir uns gefragt, was genau ein F- oder E-Jugendtrainer damit anfangen kann. Was nützt es ihm, zu wissen, wann sich ein Spieler in einer Übung orientiert und wann er differenziert? Wir haben uns gefragt, was in einem Vater, der das Traineramt einer E-Jugend in einem Amateurverein freiwillig übernommen hat, vorgehen mag, wenn er am Ende des Lehrgangs eine Lehrprobe schreiben und halten muss und diese nicht besteht? Wir haben erlebt, wie Lehrgangs-Teilnehmer zum Teil sogar Angst vor den Lehrproben hatten, weil sie wussten, dass ein F-Jugend Trainer in einem taktisch angehauchten Thema geprüft wird und dadurch eventuell durchfällt. Dabei hat er sich den Lehrgang nur angetan, weil er für das Training mit seinen Kindern Ideen haben wollte. Wir verstehen das nicht: Da ist ein netter Kerl, der seine Freizeit für den Fußball und die Kinder opfert und dann lässt man den als Verband auch noch durch die Prüfung sausen. Klar, die Durchfallquoten sind gering. Aber dass es das überhaupt gibt, ist doch verrückt. Und selbst wenn der Trainer nicht durchfällt, so wird vielen mit einer Note gesagt, dass er zwar o.k. ist, aber nicht wirklich gut ist. Also wenn am Ende die Lehrprobe mit einer 3- bewertet wird, hat der Anwärter zwar bestanden, aber die Message an den Jugendtrainer ist nicht sonderlich positiv. Das kann doch eigentlich nicht sein.

Das Interesse des Verbandes sollte doch nicht sein, jemandem zu sagen, dass er schlecht ist, sondern der Verband sollte versuchen jeden verantwortlichen Jugendtrainer auf das bestmögliche Niveau zu heben. Lehrproben über Technik und Taktik sind für einen Jugendtrainer doch vollkommen uninteressant. Zumindest im Sinne einer Bewertung mit einer Note. Sondern im Sinne von Anregungen und Hilfestellungen für ein besseres Training.

Genauso wie die zahlreichen sportwissenschaftlichen Vorträge. Diese sind als Hintergrundwissen zwar wirklich gut, als solches müssten sie jedoch auch verstanden werden. Da der Inhalt dieser Vorträge jedoch auch Bestandteil der teilweise schweren schriftlichen Prüfungen ist, kommt ihnen eine viel zu große Bedeutung zu. Warum soll ein F-Jugend Trainer wissen, mit welcher Herzfrequenz ein Intervalltraining durchgeführt werden soll? Und selbst wenn er es weiß, wie bitteschön soll er die Herzfrequenz seiner Kinder im Training kontrollieren?

Wir kennen einen Vater, der als Jugendtrainer mit Bambinis arbeitet. Mit Sechsjährigen. Der Mann ist Schauspieler von Beruf. Um sich auf seine „Rolle“ als Trainer vorzubereiten, kommt er jede Woche zu uns und fragt, welche Übungen er machen soll. Der interessiert sich nicht für das ganze wissenschaftliche Beiwerk. Er will nicht wissen, was da genau trainiert wird. Der Mann will nur, dass er mit seinen Zwergen nichts falsch macht, dass die Kinder im Training Spaß haben und Monat für Monat besser am Ball werden. Und das mit einem möglichst großen Pool an Übungen. Und da will er wissen, auf was er achten muss. Soll beim Schießen das Standbein neben dem Ball, oder vielleicht sogar leicht vor dem Ball aufgesetzt werden? Das ist interessant und das bringt die Kinder weiter.

Statt sportwissenschaftliche Lehrproben braucht ein Jugendtrainer praxisorientierte Proben. Er braucht Übungen, Übungen und noch mehr Übungen. Viel besser wäre es, mit ihm in der Ausbildung so viele Trainingseinheiten wie möglich zu absolvieren, um zu sehen, wie er sich in der Praxis schlägt. Denn auch für einen Trainer liegt die Wahrheit auf dem Platz und man könnte ihm so im Lehrgang unmittelbares Feedback geben, um sein Training zu verbessern:

„Schau mal, da stehen zu viele Kinder zu lange an.“

„Der Junge da braucht auch noch ein Leibchen.“

„Das dauert zu lange, weil in der Übung zu wenige Kinder sind.“

„Baue die Übung zweimal auf.“

Also, lieber Fußballverband, wäre es möglich, darüber nachzudenken, speziell für ehrenamtliche Jugendtrainer eine Ausbildung zu entwickeln, die praxisnah ist und die den Trainern hilft, mit ihren Kindern ein anspruchsvolles, herausforderndes Fußballtraining zu absolvieren? Wenn ein Vater schon drei Wochen im Jahr sich dafür Zeit nimmt, dann sollte er doch am Ende mit einem guten Gefühl rausgehen. So dass er weiß, dass ihm mit den hundert Übungen in allen Bereichen, die er hier gelernt hat, nichts passieren kann. Dass er weiß, wie ein Jugendtraining sinnvoll auch auf kleinem Platz organisiert werden kann. Und dass er nicht erleichtert nach Hause geht, nur weil endlich diese Lehrprobe vorbei ist.

Eine gute Fußballzeit!

Euer Michi

8 Gedanken zu „Eine Bitte an den Verband – Praxisorientierte Lehrgänge für Jugendtrainer!

  1. Timo

    Hallo Michi,
    das würde ich zu 100% unterstützen. Ich bin selbst als Vater (zufällig) in das Traineramt gerutscht (Zu Beginn F-Jugend, heute schon E-Jugend). Hab als Kind aktiv Handball und Basketball gespielt, nie aber wirklich Fußball. Euer Buch und eure Trainingsvideos sind mir eine extrem große Hilfe. Ich habe den Basislehrgang beim wfv gemacht und da war mir schon klar, dass die C-Lizenz für mich nicht hilfreich ist. Weil mir genau das fehlt, was du beschreibst. Einem 8 jährigen brauche ich von der Theorie nicht viel erzählen. Daher liebe ich eure neuen Tutorials zur Schußtechnik, Ballanahme, … bitte schnell sehr viel mehr davon!

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  2. Benjamin Poth

    Hallo Michi.
    Ich lese eure Beiträge immer mit großem Interesse und nutze euer Wissen, welches ihr auf verschiedene Arten anbietet. Eure Form der Trainingslehre ist mehr als interessant und ich bin froh,
    dass beim Fussballverband Niederrhein die Lehrgänge nicht so sind, wie von dir geschildert. Natürlich werden auch die Bereiche wie z.B. Taktik angesprochen, aber immer wohlwissend, dass fast alle Trainer aus dem Breitensport kommen.
    Das Hauptaugenmerk liegt darin, das Training optimal zu gestalten, darauf zu achten, dass keine langen Standzeiten sind, dass man den Kindern Zeit gibt, Dinge zu erlernen und nicht jede Kleinigkeit anspricht und die Kinder eingrenzt/einengt.
    Ich selber habe den „Teamleiter Kinder“ und die „C-Lizenz“ absolviert und habe sehr viel mitgenommen. Übungen, Gestaltung, worauf man achten soll…
    Der Prüfer hat bei der Themenvergabe darauf geachtet, wo jeder Teilnehmer steht und wo er hin möchte.
    Mir, als seinerzeit F-Jugend Trainer, wurde bewusst kein Taktik-Bereich als Prüfung auferlegt, sondern ein angemessenes Thema zu meinem Jahrgang.
    In diesem Bereich kann ich unseren Verband nur loben, denn dort wurden die Zeichen der Zeit erkannt und umgesetzt.
    Danke für eure tollen Beiträge!
    Gruss

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    1. Michi Schuppke Beitragsautor

      Hallo Benjamin,

      das klingt super und sollte ein Vorbild für alle Ausbildungen sein. Denn nur das bringt die Trainer im Ausbildungsbereich und damit die Kinder weiter.

      Viele Grüße

      MIchi

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  3. Tobi

    Hallo Michi,

    danke für den Beitrag! Auch ich bin großer Verfechter eurer Philiosophie und erweitere mein Training zusätzlich mit vielen Elementen von Horst Wein.
    Auch ich hatte die C-Lizens gemacht, da ab einer gewissen Spielklasse die Lizensen ja vorausgesetzt werden.
    Zum Glück hatte ich einen Ausbilder, der auch gleichzeitig Sportlehrer war und sehr aus der Praxis kam. So mussten wir sehr oft mit fremden Mannschaften in Gruppen Trainingseinheiten durchführen und konnten uns vor der echten Lehrprobe auf die Prüfung vorbereiten. Hierbei erhielten wir auch Feedback. Als Voraussetzung dafür bekamen wir zuvor auch viele Übungen vorgestellt.
    Trotzdem musste uns natürlich der Theorieteil vermittelt werden und dabei erlebte ich, wie in deinem Beitrag geschildert, dass vor allem Elternteile mit den Sportwissenschaftlichen Themen und den Taktiken überfordert sind.

    Da ich vor allem im taktischen besonders Fit bin und mir zuvor das Wissen zur Sportwissenschaft eigentlich schon selbst angeeignet hatte erhielt ich in der Prüfung auch eine „strengere“ Behanldung und wurde nach dem Ende der Prüfung auseinandergenommen. Das frustrierte mich so sehr, dass ich jetzt eigentlich überhaupt keine Lust mehr habe, eine weitere Lizens zu erwerben bzw. die anderen Teilnehmer waren geschockt, wie sehr der „Kursbeste“ auseinander genommen wurde….

    Im Nachhinein klärte man mich natürlich auf, dass ich eine strengere Bewertung erhalten hatte, aber trotzdem fand ich das ungerecht.
    Was mich an der Ausbildung am meisten stört ist der wenige Praxisbezug. Ich würde mir wünschen, dass die Ausbilder mal in eigenen echten Trainingseinheiten (bei denen man die Kinder kennt) vorbeischauen und für diese Rückmeldungen geben würden.
    Außerdem bin ich der Meinung, dass die Ausbildung zu wenig offen für eigene und kreative Ideen ist. Sie wollen einerseits die so kreativen Spieler fördern, lassen dann aber nicht zu, dass neue Ansätze von anderen Trainer integriert werden. Das finde ich persönlich schade….

    Grüße aus Hessen (in der Nähe von Darmstadt) Tobi

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    1. Michi Schuppke Beitragsautor

      Hallo Tobi,

      vielen Dank für deine Antwort. So ging es mir damals auch. Ich wurde in der taktischen Prüfung der damaligen B-Lizenz „auseinandergenommen“, weil meine Magnetfigur an der Taktiktafel 5mm weiter rechts hätte positioniert gehört. Also laut Verbandstrainer. Was soll das? Ich stehe da drüber, aber es gibt eben wie von dir beschrieben viele, die damit nicht klar kommen und dann eben auch nicht weitermachen. Schade!

      Liebe Grüße

      Michi

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  4. Thomas Otte

    Hallo Michi,

    Dein Beitrag trifft voll den Kern. Als Vater habe ich die Jungs nach dem Bambinialter übernommen, weil kein Trainer zur Verfügung stand. Die erste Frage war „Hast Du schon mal Fußball gespielt?“ Ich wusste nicht wie ich auf die rhetorische antworten sollte. Meine Antwort; „Ja ich kann alles am Ball: aufpumpen, einfetten, weglegen“. Rückblickend kann ich gar nicht mehr sagen, wie oft ich beim Üben der Zidane Finte „in die Anbauwand“ gefallen bin. Ich hatte leider keine Vorgehensweise wie ich die Kinder altersgerecht ausbilden muss. Gut das war vor 5 Jahren. Heute nach gefühlten 30 gelesenen Fußballbüchern weiter, spielen die Kinder als älterer E-Juniorenjahrgang ziemlich erfolgreich in der Landesliga mit. Das war aber ein langer und steiniger Weg. Aber fast ist halt der Breitensport. Gut das es u.a. Top-Quellen wie euch gab, wo man sich orientieren konnte!

    Gruß Thomas

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    1. Michi Schuppke Beitragsautor

      Hallo Thomas,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Ich muss mir unbedingt einen Spruch zum Thema „alles am Ball können“ merken. Sehr witzig!

      Viele Grüße

      Michi

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