Wo Guardiola seine Schwächen hat und was er besser macht als Ancelotti

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Pep Guardiolas Spielphilosophie zeichnet sich durch den Versuch aus, die totale Dominanz durch möglichst viel Ballbesitz über das Spiel zu haben. Auf welchem Weg versucht er, diese Dominanz zu erreichen und was steckt hinter dieser Strategie? Was will er mit einem immens hohen Ballbesitz erreichen? Und wie ist es bei Ancelotti?

Als Grundidee für sein Team verfolgt er zum einen das permanente Pressing und Forechecking in höchstem Tempo. Bei Ballverlust wird der Ball sogar bis zum Torwart gejagt, um auf diese Weise ein unkontrolliertes Abspiel des Gegners zu erzwingen. Gerade gegen schwächere Gegner gelingt es seinen Spielern so relativ schnell, den Ball zurück zu erobern.

Zum anderen erreicht er den hohen Ballbesitz und zugleich den hohen Druck auf das gegnerische Tor durch stete Veränderungen im Spielaufbau. So zwingt er den Gegner, sich zurück ins eigene letzte Drittel zu ziehen. Sechs dieser verschiedenen Veränderungen im Spielaufbau findet Ihr in unserem Trainingsportal MFSFussballtraining.TV

Gegner, die versuchen hoch und frühzeitig zu attackieren, um dadurch die Dominanz und den Spielfluss zu verhindern, werden konsequent überspielt. Dies geschieht z.B. durch viele Spielverlagerungen wie z.B. lange Bälle der Innenverteidiger auf die Flügel, so wie man sie von Spielern wie Boateng kennt. Oder sie kombinieren sich technisch einfach hinten heraus, da sie mit der Überzahl des Torwartes und mit technisch extrem beschlagenen Spielern die Mittel dazu haben. Das Pressing des Gegners wird sozusagen zeitlich in die Länge gezogen. Und mit zunehmender Spieldauer verliert das ständige Anlaufen schließlich an Wirkung, da der betriebene Aufwand des Gegners dafür groß ist. Mit zunehmender Spieldauer wird das nun zum großen Nachteil. Die Spieler werden müde, können das Pressing nicht mehr aufrechterhalten oder betreiben es nicht mehr konsequent genug. Gegen Ende des Spieles reicht die Kraft nicht mehr aus, selbst tierstehend, noch konsequent verteidigen zu können.

Pep vs Anc

Foto: © dpa

Einen hohen prozentualen Wert an Ballbesitz, den Guardiola mit seinen Teams verfolgt, hat aber auch starke psychische Effekte. Der Gegner wird im eigenen letzten Drittel regelrecht eingeschnürt und ist so fast 70 Meter vom gegnerischen Tor entfernt. Damit ist der Weg zum gegnerischen Tor weit und die Aussicht auf einen Torerfolg extrem gering. Guardiola weist offensichtlich seine Spieler an, den Druck auf das Tor des Gegners immer präsent zu halten. In diesem Zusammenhang scheint er es auch nicht gerne zu sehen, wenn seine Spieler auch aus großer Torentfernung den Abschluss suchen. Denn dies befreit den Gegner kurzfristig von diesem Druck. Die Spieler lassen den Ball solange zirkulieren, bis sich die entscheidende Lücke auftut. Erst dann wird der Abschluss gesucht. Gerade schwächere Teams sehen so kaum eine Chance das Spiel zu gewinnen, was fatale Auswirkungen auf das Selbstvertrauen und die Willenskraft während des aktuellen Spiels hat.

Der letzte entscheidende Faktor ist die Vorbereitung der Defensive bereits im eigenen Ballbesitz. Guardiola trainiert seine Spieler darauf, sich auf einen Ballverlust und den daraus resultierenden Konter defensiv vorzubereiten. Das heißt, die Spieler sollen sich noch im eigenen Ballbesitz optimaler Weise so auf dem Feld positionieren, dass das Gegenpressing bei Ballverlust mit maximaler Intensität ausgeübt werden kann und gleichzeitig ein Drehen des Gegners mit Ball zum eigenen Tor hin verhindert wird. Dies erreicht er, in dem er bei eigenem Ballbesitz den ballfernen Aussenverteidiger stark ins Zentrum einrücken lässt. Das Gleiche soll der ballferne 8er erfüllen. Außerdem rücken die Innenverteidiger näher an die gegnerischen Offensiven ran. Weiterhin lässt Guardiola  im Spielaufbau die Flügel nur einfach besetzen, um auf diese Weise Überzahl im Zentrum zu generieren. Wenn all diese Rädchen ineinander greifen, ist das Gegenpressing sehr intensiv und effizient.

Die Erfahrung hat gezeigt: all dies führt in der Regel dazu, dass national fast alle Teams in einer Liga, mit Ausnahme der Topteams, selten eine Chance haben, das Spiel zu gewinnen. Die Wahrscheinlichkeit, Meister zu werden, ist mit dieser speziellen Spielphilosophie relativ hoch und hat im Fall Guardiola und FC Bayern München die Bundesliga drei Jahre lang eher langweilig gestaltet.

Die große Schwäche Guardiolas bestand zuletzt in den ” großen Spielen”, z.B. in Finals und Halbfinals, denn hier kann die angestrebte Dominanz zur eigenen Falle werden.

Denn starke Teams haben ja extrem schnelle und technisch sehr beschlagene Spieler, die zudem auch hervorragend verteidigen können. Daher bekommt man gegen solche Mannschaften naturgemäß nicht viele Torchancen. Und die starken Mannschaften sind technisch dazu in der Lage, Guardiolas angestrebtes Gegenpressing vermehrt zu überspielen. Sobald Spieler einer solchen Qualität auf das gegnerische Tor drehen können, wird der sehr große Raum zwischen Torwart und Innenverteidigern zum Verhängnis. Die eigenen Verteidiger schaffen es dann kaum mehr, so schnelle und technisch beschlagene Spieler wie Grießmann, Ronaldo, Messi oder Bale im 1 gegen 1 auf so großem Raum aufzuhalten.

Guardiola ist hier an seinem strikten Festhalten am Ballbesitzfussball gescheitert. Während Guardiola nationale Meisterschaften relativ locker gewinnt und in den letzten Jahren Probleme in den großen Spielen hatte, so zeigt Ancelottis Philosophie kleinere Schwächen im nationalen Wettbewerb, verspricht aber mehr Erfolgsaussichten in den großen Spielen, vor Allem auf internationaler Bühne.

Ancelotti überlässt den Spielern mehr Freiheiten in der Gestaltung des Spieles und damit auch die Freiheit, wann gepresst und Forechecking gespielt wird. Es wird also nicht mehr strikt eine Spielweise durchgezogen. Auf diese Weise bekommen wohl auch vermeintlich schwächere Teams die Möglichkeit während eines Spieles, sich kurzzeitig aus dem Druck zu lösen, stattdessen sich zu Entfalten und haben so die Hoffnung auf erfolgreiche Konter.

Auch das Vorbereiten der Defensive scheint nicht so strikt wie bei Guardiola vorgegeben zu sein. Während die Aussenverteider wie Flügelstürmer wirken, weichen beide 8er auf die Flügel aus. Zudem schieben die Innenverteidiger nicht so intensiv an die Offensiven des Gegners heran. Ein ballfernes Einschieben des Aussenverteidigers ist wenig vorhanden. Und so entstehen immer wieder Räume im Zentrum, in welchen die Gegner sich Torchancen erarbeiten oder ihre Konter ausspielen können.

Gegen starke Teams ließ Ancelotti in seiner Vergangenheit aber bisher viel tiefer angreifen und verringert somit die Abstände zwischen den Reihen und den entscheidenden Abstand zum Torwart. So nimmt er mit seinen Teams eher die Umschaltphilosophie ein. Dies erhöht die Gewinnaussichten gegen starke Teams, da man in der Defensive gegen die oben erwähnten genialen Spieler nicht im 1 gegen 1 und auch nicht mit so viel Raum hinter sich verteidigen muss. Wenn man selbst den Ball erobert, findet man große Räume vor und kann so das andere Team auskontern.

Beide Trainer sind auf ihre Weise geniale Trainer. Sie unterscheiden sich sehr in ihrer Spielausrichtung. Wir sind sehr gespannt, wohin die Reise bei beiden Trainern führt.

Eine gute Fußballzeit!

David Niedermeier

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