Was sich in der Nachwuchsarbeit WIRKLICH ändern muss! Es ist fünf nach Zwölf

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„Unser Nachwuchs in Deutschland wird links und rechts überholt“, so lautete ein Artikel gestern im Kicker.
Michael Zorc und Lars Ricken geben hier Eindrücke des Erlebten zum Besten, was wir in der MFS schon seit über 15 Jahren sagen. Nämlich, dass wir unseren Nachwuchs nicht optimal fördern und somit den Anschluss verlieren. In einem unser letzten Artikel bezüglich Nachwuchsförderung haben wir beschrieben, dass Deutschland auf Grund der finanziellen Stärke Englands, Frankreichs, Spanien und China dringend die Ausbildungsrolle übernehmen muss, solange die 50+1 Regelung finanzielle Zuströme verhindert. Doch anstatt alle Stellschrauben auf eine optimale Nachwuchsarbeit auszurichten, sind wir nun gezwungen die Talente aus genau den Ländern zu holen, die uns finanziell abgehängt haben und uns unsere Topspieler wegkaufen. Bestes Beispiel eben jenes Borussia Dortmund, wo englische Talente hoch im Kurs stehen.

Aus meiner Sicht völlig unverständlich ist, dass unsere sogenannten Fußballexperten die Schuld immer wieder auf gesellschaftliche und strukturelle Probleme zurückführen. Demnach sind unsere Kinder zu sehr im Wohlstand aufgewachsen und verbringen mehr Zeit am Computer als mit Fußballspielen oder Sporttreiben im Freien. Lars Ricken hat erst gestern im Kicker die Schuld in Richtung Schulsystem geschoben.
Hier seien kaum Möglichkeiten, sich verstärkt auf den Fussball zu konzentrieren, wie es in anderen Ländern möglich sei.

Aber das stimmt doch so nicht! Wir haben in Deutschland Fußballklassen eingeführt, in welchen unsere NLZ Spieler zusätzlich während der Schulzeit trainieren können. Das Problem ist nicht die fehlende Unterstützung des Schulapparates, sondern der Inhalt des Trainings in vielen NLZs als auch in diesen Fußballklassen und die Unterstützung der Nachwuchsleistungszentren, den Spielern die Wichtigkeit dieses zusätzlichen Trainings in der Schule einzutrichtern. Leider wird dieses Training eher abgetan und als unwichtig befunden. Übrigens auch von Seiten vieler Trainer, die dort oft nur spielen lassen und dabei auch noch wenig bis nichts korrigieren.

Wir müssen endlich Aufwachen und die Fehler selbst bei uns in unserer Nachwuchsausbildung suchen, erkennen und ausmerzen. Dies ist der einzige Weg aus der von fast allen NLZs erkannten Tatsache, dass es zu wenige, sehr gute deutsche Nachwuchsspieler gibt. Und nicht die Schlussfolgerung, nun Talente in Indien zu scouten, wie noch nicht vor langer Zeit von Ralf Rangnick in einer Pressekonferenz gefordert. Das ist absurd! Man kann doch nicht ernsthaft behaupten, dass es in Indien sportlich talentiertere Kinder gibt als in Deutschland. Wir möchten im Folgenden kurz erläutern, wo meiner Ansicht nach dringend Änderungen vorgenommen werden müssten.

Entscheidend für optimale Ausbildung sind optimal geschulte Trainer, die in der Lage sind, ganzheitlich auszubilden! Leider werden in vielen NLZs Trainer mit Aufwandsentschädigungen abgespeist und mit riesigen Aufgabenfeldern überlastet. Die Folge ist, dass wir im jungen Nachwuchsbereich keine reinen Experten in Sachen Talententwicklung haben.

Hinzu kommt das eklatante Problem der aufgeblähten Kader in Nachwuchsleistungszentren.
So haben viele Kader bereits ab der U12 schon über 20 Spieler. Es scheint so zu sein, dass es vielen Vereinen darum geht, möglichst viele Talente in den eigenen Verein zu holen und dem Nachbarverein, diese vorzuenthalten.
Somit nimmt sich der renommierteste Verein der Region nicht die „besten 14“ Spieler, sondern die „besten 20- 24“. Daher bleiben dem Stadtrivalen oder Erzfeind in der Region nur noch die 20-40 besten“ übrig. Damit wird es noch einfacher das „ Derby“ für sich zu entscheiden, was das Wichtigste für viele Trainer ist. Das ist keine Untertreibung. Wer das nicht glaubt, schaut sich mal ein klassisches Derby egal wo in Deutschland z.B. einer U12 an! Sie werden staunen, wie sehr Eltern und Trainer sich um die Wette verbal bekämpfen.

Die Folge dieser aufgeblähten Kader führt zum einen zu dramatisch verschlechterten Trainingsbedingungen. Zum anderen nimmt es den Spielern wichtige Spielzeit. Von 24 Spielern sitzen demnach 13 Spieler auf der Bank und der Tribüne und können sich folglich nicht entwickeln. Im Training kann es bei so vielen Spielern gar nicht zu ausreichender technischer und taktischer Korrektur der Spieler kommen. Nach der Saison werden dann aus jedem Kader 5-10 Spieler aussortiert oder gehen freiwillig. Bei 7 Großfeldkadern von der U12 bis zur U19 werden damit zwischen 25-50 Spieler jedes Jahr aussortiert oder spielen gar nicht. Vermutlich befindet sich darin jedes Jahr der ein oder andere biologisch retardierte Topspieler, der in den Heimatverein zurückkehrt oder gleich aufhört. Wir vernichten so Talente!

Meiner Meinung nach müsste der Verband hier eingreifen und die Kader der NLZ Mannschaften auf ein Minimum reduzieren. Bedeutet in der Zukunft im 8+1 die Kader auf 12+2, im 10+1 auf 14+2 zu reduzieren.
Sollten Spieler aus Verletzungsgründen fehlen, kann stets aus den jüngeren Kadern ausgeholfen werden. Denn am Ende sind nur Trainingsknowhow, Trainingsqualität und Spielzeiten entscheidend, damit sich die Talente optimal entwickeln.
Im besten Falle würden NLZ Vereine pro Jahrgang 2 Teams mit sehr geringen Kadergrößen formen. Am besten ein Team mit biologisch akzelerierten Talenten und ein Team mit biologisch retardierten talentierten Spielern.

Ein weiterer Grund für unsere Nachwuchsprobleme ist das Knowhow in unseren Nachwuchsleistungszentren. Lange haben wir in der Münchner Fussball Schule nachgedacht, ob die Nachwuchsleistungszentren die technische Komponente gar nicht so sehr fördern möchten und glauben, dass die wichtigsten Fähigkeiten eines Fußballers im physischen, psychischen und taktischen Bereich liegen. Mittlerweile jedoch haben DFB und manche NLZ  Vereine verstanden, dass wir Defizite im 1 gegen 1 haben, kommunizieren das öffentlich und beginnen dies zu fördern. Die Folge dessen ist, dass jetzt alle vermehrt 1 gegen 1 Übungen im Training durchführen.  Dabei wird aber wenig oder kaum im Detail korrigiert. Man trainiert halt jetzt das 1 gegen 1. Die Grundvoraussetzung für ein gutes 1 gegen 1 ist aber nicht nur die Schnelligkeit eines Spielers sondern vor allem die Technik und das Wissen um diese saubere Technik, um erfolgreich vorbeizukommen. Die Spieler müssen im Detail erklärt bekommen, woran es liegt, wenn der Trick im Spiel nicht funktioniert. Und genau das ist die Kunst: den Kindern die Tricks beizubringen, sie im Spiel ausprobieren lassen (daran scheitert es ja schon meist wieder, weil man dadurch erstmal Spiele verliert) und den Spielern im Detail Fehler in der Ausführung der Tricks erklären kann. Dies braucht wiederum ein enormes Knowhow und Spezialisten bei den Trainern!

Regelmäßig trainieren wir in der Münchner Fussball Schule etliche Spieler der NLZ Vereine im Individualtraining und stellen trotz aller Bekenntnisse zu mehr Technik in der Ausbildung verheerende Mängel in der Technik fest. Fast alle Spieler weisen eine gute Physis auf, kennen aber die einfachsten technischen Dinge nicht. Das Talent ist stets vorhanden, diese Dinge schnell zu erlernen. Es wird Ihnen schlicht und einfach nicht beigebracht und limitiert somit ihr Potential.

Diese Tatsache lässt uns zu dem Schluss kommen, dass wir in Deutschland flächendeckend nicht das Knowhow besitzen, wie man sogenannte Techniker ausbildet. Unsere deutschen Talente sind keineswegs langsamer als französische oder englische Spieler, aber unsere sind technisch nicht ansatzweise so gut. Hier spielt sicherlich auch unsere deutsche Mentalität mit rein, in dem wir fast ausschließlich Mannschaftsgeist propagieren. Individuelle Kreativität wird immer noch trotz der Erkenntnisse über die Wichtigkeit des 1 gegen 1 als Egoismus und Selbstdarstellung abtrainiert. Gewinnen steht an erster Stelle. Nicht die Entwicklung der Spieler! Die individuelle Kreativität steht dem im Weg, sie verliert zunächst Spiele. Erst langfristig zahlt sich dieser Weg aus. Das nützt aber dem Trainer nichts, der in Tabelle gut dastehen möchte, um seine eigene Karriere zu pushen. Also wird es vielleicht trainiert, dies aber nur unzureichend, und im Spiel werden diese technischen Dinge aber nicht zugelassen.

In der Münchner Fussball Schule haben wir eine ganzheitliche Trainings- und Spielphilosophie entwickelt, um die Spieler in allen Bereichen, vor allem aber in der Technik, optimal zu entwickeln. Dies haben wir auf www.mfsfussballtraining.tv in über 1000 Videos festgehalten um unseren Jungs eine optimale Entwicklung zu gewährleisten.
Auch die schon öffentlich angeprangerte taktische Prägung spielt dabei eine große Rolle. Wie gesagt:  NLZ Leiter bewerten Spiele fast ausschließlich nach dem Resultat und nicht nach der Spielweise und der Entwicklung der Spieler. Demnach schauen die Trainer ausschließlich auf den Sieg und richten das Spiel dementsprechend aus. Fast ausschließlich akzelerierte Spieler, die teilweise auch fußballerisch nur geringfügig talentiert, befinden sich in der Startelf. Es werden überwiegend lange Bälle gespielt um im Anschluss auf den zweiten Ball zu gehen. Gehen Sie auf die Plätze und stellen sich neben die Trainer. Es wird ausschließlich das taktische Verhalten, sowie die Mentalität und Disziplin korrigiert.

Technische Korrekturen kommen so gut wie nie vor. Den Spielern wird nicht erklärt wie sie die Situationen technisch lösen können. Es kann nur einen Grund geben: weil man es nicht besser weiß. Und daher sagt man lieber so Sätze wie: “Zu viel Coachen ist bei Kindern schlecht, die finden schon selbst eine Lösung”. Und untermauert wird dies mit angeblichen repräsentativen Studien. Fakt ist und das Erkennen ja auch Leute wie Ricken und Zorc: Uns fehlen die technischen Talente! Vielleicht sollte man also mal darüber nachdenken, ob ein Mehr an Coaching im technischen Bereich nicht doch besser wäre.

Was uns auch auffällt ist eine Veränderung in der Mentalität der Spieler. Die Nachwuchstrainer passen bereits in jungen Jahren die Trainingsintensität an die Spiele am Wochenende an.
Demnach nimmt die Trainingsintensität bis hin zum Spiel bereits ab Dienstag wieder ab. Ist es aber in der Ausbildung nicht weit aus entscheidender, den Spieler zu entwickeln, als dass er im Spiel ausgeruht und spritzig ist? Die meisten Spieler die zu uns kommen, sind häufig auch nicht wirklich fit und widerstandsfähig. Also auch hier stimmt doch an der Trainingssteuerung was nicht wirklich.

Wir müssen unsere Jungs wieder daran gewöhnen, stets Gas zu geben, Widerstände zu überwinden und für Ihr Ziel jeden Tag hart zu arbeiten. Dies ist sicherlich kein gesellschaftliches Problem, sondern ein Fehler der NLZ Vereine und Ihrer Ausrichtung – also in der Erziehung.
Des weiteren fehlen Technik- und Individualtrainer! In jedem Team gibt einen Athletiktrainer aber zu wenig Techniktrainer. In der Technik arbeitet man weiterhin hauptsächlich in der großen Gruppe! Bei 20 Spielern im Training kann man einfach nicht alles korrigieren. Damit bleibt die technische Korrektur und damit die Entwicklung der Spieler komplett auf der Strecke.

Als letzten Punkt möchte ich die Spielausrichtung vieler Nachwuchsleistungszentren beleuchten.
Viele Nachwuchsleistungszentren geben in viel zu jungen Jahren das „Umschaltspiel“ als Ausrichtung vor. Demnach wird der Ball bei eigenem Ballbesitz schnell in die Spitze gespielt und auf den zweiten Ball gegangen. Hat der Gegner den Ball, wird das Pressing abgespult, um den Ball zu erobern um dann den Konter zu fahren. Das Spiel wird somit komplett physisch und taktisch geprägt. Die technische Komponente bleibt fast dabei komplett außen vor. Das Resultat sind physisch starke Spieler, die taktisch gut geschult sind, aber technisch eher schwach sind.
Wir müssen unseren Kindern und Jugendlichen das Spiel mit Ball beibringen, mit all seinen technischen Raffinessen, und dabei trotzdem auf Gegenpressing bei Ballverlust und Pressing bei gegnerischem Ballbesitz achten. Tun wir das weiterhin nicht, werden wir noch weiter an Boden verlieren, was die Nachwuchsarbeit in Deutschland angeht.

Dies sind die wahren Gründe für unsere Nachwuchsprobleme und nicht irgendwelche Probleme im Schulsystem oder in der Gesellschaft. Es liegt an uns ganz alleine!

Eine gute Fußballzeit!

Euer David Niedermeier

Gedanken zu “Was sich in der Nachwuchsarbeit WIRKLICH ändern muss! Es ist fünf nach Zwölf

  1. Werner Hohenadel

    Genau so ist das!! Ich hatte schon letzte Woche dieses Thema bei Ihnen per Mail angesprochen. Für mich als betroffener Großvater ist der zur Zeit einzig gangbare Weg die Anstellung eines privaten Trainers, der, genau die fehlende Grundlagenarbeit und Korrekturen machen soll.
    Das kann und soll aber nur eine Notlösung maximal eine Ergänzung darstellen.

    Die fehlende technische Ausbildung in unserem NLZ in der E-Jugend ist eklatant oder durch Partial Egoismen stark behindert. Am Wochenende haben wir ein Turnier um die Hallen Kreis Meisterschaft nur deshalb verloren, weil unsere Jungs wegen überragender physischer Überlegenheit das Tore schießen verlernt hatten.
    Bleiben Sie weiter am “Ball” und wenn ich argumentativ helfen kann .. jederzeit gerne

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  2. Martin Kimmig

    Hallo Herr Niedermeier,
    das ist eine treffliche Analyse. Die Problematik mit den großen Kadern und dem Abwerben von Spielern ist in unserem Bezirk eklatant. So gibt es ein C-Junioren-Team, das eine Kadergröße von 25 Spielern hat (drei davon von uns – es waren schon vier), genau mit dem Ziel, die beste Truppe zu stellen um dann im Sommer vom Bezirk- in die Landesstaffel aufzusteigen. Um in dieser Mannschaft zu spielen, nehmen die Jungs aus meinem Verein eine Fahrtstrecke von 90 min je Training auf sich (bei 3 x Training in Woche). In der Hinrunde spielte keiner meiner Ex-Spieler als Stammkraft, häufig wurden sie, wenn überhaupt aufgetellt, in der zweiten Halbzeit oder in Begegnungen, in denen es um nichts mehr ging. Diese Entwicklung des schnellen Erfolges wegen ist fatal. Jetzt ist im Winter von D-Junioren ein Spieler von mir dorthin gewechselt. Der Vater bemängelte, wir würden zu wenig ergebnisorientiert spielen. Ich glaube, diese Begebenheiten gibt es in vielen Vereinen.
    Gruß Martin Kimmig

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  3. Manuel

    Liebe MFS,

    eine sehr treffende Analyse des Ist-Stands. Kann man alles unterschreiben und unterstreichen!
    (den Begriff ‘retardiert’ finde ich nicht korrekt verwendet, denn es ist es biologisch gesehen doch so, dass hier nicht nur retardierte Kinder gemeint sind, sondern eigentlich die große Mehrheit und der Normalfall).

    Die gute Nachricht ist, Eure Punkte sind bei einigen Jugendtrainern schon Programm und im Altersbereich von 8-12 ist die Anzahl der Talente riesig, d.h. man kann den Salat (theoretisch) in kurzer Zeit wieder reparieren.

    Während man an all den Stellschrauben drehen kann und sollte, erstaunt mich einer der Punkte doch immer wieder sehr:

    -> die einseitige Auswahl der Kinder in den unteren Jahrgängen geht bei 99% der NLZ genau nach dem beschriebenen Muster.

    Ein NLZ ist ja ein teurer Spaß, warum sieht da keiner auf Nachhaltigkeit und Optimierung?
    Der obengenannte Vorschlag für ein zweites Team ist super, da kann man aber auch von alleine drauf kommen, wenn man im Bereich arbeitet. Man will doch nicht nur ab- und zu mal Torwarte und Innenverteidiger haben und ansonsten sein Geld in Luft verblasen?

    Es istdoch eigentlich leicht abzusehen, weil biologisch bedingt, dass Kinder, die mit 11,12 körperlich so weit (zu weit) sind, entweder auch früher stehen bleiben und dann ein- und überholt werden. Oder, dass sie in 6,7 Jahren viel zu groß/kräftig sein werden, für die körperlichen Anforderungen an wendige, flinke Techniker, die sich im Alter von 20+ durch einen Haufen Latinos wurschteln sollen.

    Bei der (zumindest in großen Teilen) falschen Vorauswahl hilft dann auch der beste Techniktrainer und die tollste Disziplin und Moral nur noch bedingt, hier greifen die Gesetze der Physik und Biologie.

    Beste Grüße und weiter so!

    Manu

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  4. gitarrenheld

    Das Problem der deutschen Nachwuchsförderung ist nicht die mangelnden technische Fertigkeit. Im Gegenteil, man hat in den vergangenen Jahren den Fokus auf genau EINEN Spielertypen gelegt, den technisch versierten und passsicheren zentralen Mittelfeldspieler. Götze, Özil, Kroos, Gündogan sind alle Produkte dieses Systems. Diesen Spielertypen gibt es in Deutschland massenweise. Vergeblich sucht man allerdings Außenverteidiger und Strafraumstürmer. Man spielte zeitweise lieber mit “falscher 9″ Tiki-Taka, statt einen möglicherweise technisch weniger starken aber effektiven Stürmer einzusetzen. Charaktereigenschaften wie Leadership, Einsatzbereitschaft spielen keine Rolle mehr im Scouting. Wir haben massenweise technisch anspruchsvolle Schönspieler geklont. Ein Müller würde heute in keinem NLZ mehr einen Platz bekommen – zu ungelenk.
    Zweiter Kritikpunkt: Size and Speed matter more than potential. Heute werden in der D-Jugend Torhüterfinger vermessen, Vertical Jumps und Shuttle-Drills durchgeführt, akzelerierte Spieler bevorzugt, obwohl Studien eindeutig belegen, dass diese zumeist im späten Jugendalter/frühen Erwachsenenalter überholt werden und durchs Raster fallen. Die Theorie dahinter: Schnelligkeit ist nur bedingt trainierbar. Stimmt. In der C-Jugend stehen auf den Angriffspositionen, besonders auf den Außenpositionen daher meist Sprintmonster, die aussehen als wären sie Mitte 20. Diese Laufen dann in der C- und B-Jugend alles in Grund und Boden, im Erwachsenenalter scheitern sie dann allerdings, weil sie gegen ebenbürtige keine Lösungsmöglichkeiten finden.
    Dritter Kritikpunkt: Die Jahrgangseinteilung des DFB ist ein völliger Schwachsinn. In den Auswahlmannschaften ist ein Großteil der Spieler in der ersten Jahreshälfte geboren. Wünschenswert wäre auf höchster Ebene eine Spielrunde für Kicker der zweiten Jahreshälfte oder eine Einteilung nach biologischem Alter. Ein spätgeborener Spieler hat kaum eine Chance auf eine Ausbildung in einem NLZ.

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    1. Nierdermeier David

      Ich gebe dir in Punkt 2 und 3 komplett recht. Diese Themen haben wir in unseren älteren Artikeln ausführlich so geschildert wie Du es sagst. Bei Punkt 1 bin ich nur bedingt einverstanden.
      Spieler die im Zentrum spielen, so wie Du sie mit Kroos, Özil und Gündogan beschrieben hast, werden aus den Gegebenheiten der Position heraus mehr im technischen Bereich gefördert und entwickeln sich daher fast von allein in diese Richtung. Im Zentrum werde ich von allen Seiten attackiert und der zeitliche Druck ist sehr hoch. Daher brauchen diese Spieler schnelle technische Lösungen. Wir müssen uns dazu überlegen, warum ein Spieler eine Position bekleidet und warum nicht eine andere. Meine Erfahrung zeigt, dass die Jungs die von Klein auf Stärken in der Grundschnelligkeit und in der Körperlichkeit haben ( biologisch akzelleriert sind) sich von ganz alleine für den Flügel anbieten um hier Ihre Stärken ausspielen zu können, denn dafür erhalten Sie die gewünschte Anerkennung. Auf der anderen Seite kaschieren Sie dort Ihre technischen Schwächen, da am Flügel deutlich mehr Raum und Zeit ist. Dazu kommt, dass ich nur von einer Seite aus attackiert werde und nicht wie im Zentrum von allen.
      Die Position des Stürmers verhält sich in der Auswahl ähnlich. Spieler die sich gut durchsetzen können und Schnell sind und dazu einen guten Schuss haben sehen sich gerne im Sturm. Das Problem liegt somit meiner Meinung nach nicht allein in der Auswahl der Spieler sondern eben in der technischen Ausbildung! Wir müssen alle talentierten Spieler, egal ob groß, klein, breit, dünn, biologisch jung oder alt, introvertiert oder extrovertiert technisch und athletisch bis zur U14 auf allen Positionen perfekt ausbilden, um sie dann je nach physischen, technischen und charakterlichen Merkmalen auf Ihre Positionen spezialisieren ( mit der Position muss sich auch der Spieler identifizieren können, sonst macht es keinen Sinn). Für mich sollten Eigenschaften wie ” Teamgeist”, “Einsatzwille”, Fleiß, Beharrlichkeit, etc… absolute Grundeigenschaften sein, die stets vorhanden sein müssen um überhaupt für ein NLZ oder ein DFB Nachwuchsteam in Frage zu kommen. Wenn wir diese beiden Kriterien und der Berücksichtigung des biologischen Alters beachten, sollten wir auf allen Positionen technisch herausragende Spieler entwickeln können. Wir müssen die physisch starken Spieler mit hoher Grundschnelligkeit dazu zwingen die Situationen technisch zu lösen und nicht allein körperlich. Bei uns legen diese Spieler einfach den Ball vorbei und brettern alles nieder, auch wenn er sich mit 5 Spielern gleichzeitig anlegt und sich nur durch seine Körperlichkeit durchsetzt. Leider bekommen diese Spieler für solche Aktionen auch noch Anerkennung und Bestärkung durch die Trainer. Wenn die Gegner dann später eben genauso schnell und stark sind, findet er keine Lösung mehr- Er bräuchte eine technische und dazu ist er nicht in der Lage, da er es ja nie gelernt hat. Bei uns in der Münchner Fussball Schule, achten wir extrem darauf, dass vor allem auch diese Spieler technische Lösungen suchen und zwingen Sie dazu! Wir haben eben zwei limitierende Faktoren im Fußball: die Physis und die Technik.
      Die Technik ist nur eine Frage des Lernens, die Physis ist zu hohem Anteil angeboren. Daher sollte der Fokus immer stärker auf der Technik liegen. Mit Technik meine ich auch das offensive 1 gegen1 und vor allem die Ballan-und Mitnahme vor dem 1 gegen1. Hier sind die wahren Defizite in der Nachwuchsarbeit.
      Ein Timo Werner legt einfach den Ball ohne jegliche Finte vorbei. Er kommt damit in der Weltspitze vielleicht zum Flanken, aber er kann nicht direkt zum Tor vordringen, um so eine noch größere Torchance zu kreieren.
      Mit Hilfe einer einstudierten Finte ( für beide Seiten) würde er den Schwerpunkt des Gegners auf die “falsche” Seite verlagern und würde damit einen noch größeren Vorsprung rausholen. In Deutschland herrscht dann aber die Meinung. “Der braucht keine Finte, der kommt auch so vorbei”. In jungen Jahren stimmt das meist, da hier die Konkurrenzsituation meist nur regional ist. Auf Weltklasseniveau eben nicht! Das wurde in der Ausbildung versäumt und daher haben wir keine Weltklasse Flügelspieler. Damit meine ich Außenverteidiger, wie offensive Flügel oder auch Stürmer! Wir müssen ganzheitlich ausbilden und nicht nur die Taktik und die Physis!!

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  5. Marc Roch

    Herr Niedermeier, alles was ich hier von Ihnen lese, hätte ich geschrieben haben können.
    Ich habe selbst lange Leistungsfußball gespielt und habe 12 Jahre lang in verschiednen NLZ, überwiegend als Trainer in höheren Altersklassen gearbeitet. Ich habe meine Erlebnisse in den alle den Jahren auch kürzlich in einer Art Buchform verfasst. Veröffentlicht ist es aber (noch) nicht.
    Fakt ist, dass es den Jungs tatsächlich heutzutage schon sehr gut geht. Es gibt auch deutlich mehr Freizeitmöglichkeiten als früher. Fakt ist auch, dass die Schule heute eine deutlich höhere Belastung darstellt als zu unserer Zeit. Aber das kann niemals der Grund sein für die Entwicklungen im Nachwuchsfußball.
    Zum einen haben die Jungs in anderen europäischen Ländern alles in allem die selben Voraussetzungen und Begleitumstände. Einem Jugendspieler von Manchester City geht es nicht schlechter als einem Spieler von Borussia Mönchengaldabch. Zum anderen gab es all diese von Ricken und Co. geschilderten Begründungen auch schon vor 5 Jahren. Da hat aber keiner was gesagt, denn da war Deutschland ja Weltmeister. Es war also alles “in bester Ordnung”.
    Unter dem Strich kann ich nur noch ergänzend und bestätigend feststellen, dass wir definitiv in den deutschen NLZ nicht flächendeckend die besten Trainer beschäftigt haben. Gleiches gilt für Scouts und andere wichtige Menschen in den NLZ. Es basiert zu viel auf Seilschafterei und Günstlingswirtschaft. Darüber hinaus sind zu viele Leute gar nicht an wirklicher Entwicklung interessiert und schauen gar nicht auf die Details. Speziell in Dortmund muss man sich die Frage stellen, was es mit seriöser und nachhaltiger Ausbildung zu tun haben soll, wenn man einen für jedermann offensichtlich deutlich älteren Spieler als es in seinen Ausweispapieren steht, als “Wunderkind” ein paar Altersklassen überspringen lässt und damit Platz für die Spieler blockiert, die sich unter ihren tatsächlichen Altersgegebenheiten entwickeln und beweisen müssen. Das ist mittlerweile eine flächendeckende Unart geworden in unseren NLZ, dass man sich mit Altersbetrügereien Vorteile verschafft und die großen Vereine sowie die Verbände es mindestens geschehen lassen mittels Tatenlosigkeit. Ich habe sogar selbst einen Spieler trainiert, der heute bei einem deutschen Topverein spielt, bei dem ich diese Machenschaften miterleben musste. Für so etwas hat man in den Vereinen aber kein offenes Ohr. Da besorgt man sich kurzerhand neue Ausweispapiere und verschafft sich einen Vorteil gegenüber anderen. Draussen am Spielfeldrand stehen dann die Beobachter und urteilen auf völlig falschen Grundlagen, weil der Spieler schlicht und einfach gegen Jüngere spielt und natürlich “glänzen” kann.
    Ich könnte jetzt hier noch Stunden schreiben. Aber das würde natürlich zu weit führen. Meine Darlegungen zu meinen Erfahrungen in den NLZ umfasst mittlerweile knapp 50 DIN A4-Seiten. Wenn Sie Interesse haben, können wir uns gerne mal austauschen.

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    1. Soccermind

      Das sind alles sehr interessante Informationen, zumal wir mit unserem Sohn (2005er und 13 Jahre alt) überlegen, (wieder) zu einem NLZ zu gehen, da er mehrere Angebote hat. Vor einem guten Jahr waren wir von einem NLZ (von einem 1. Bundesliga-Topclub) nach ein paar Monaten weg gegangen, weil wir nicht das Gefühl hatten, dass er sich optimal dort entwickelt (auch aus den in diesem Blog beschriebenen Gründen).
      Jetzt spielt er in einem ambitionierten Amateurclub 1 Jahr höher in der C1 (mit nahezu 100% Spielzeit) und trainiert hauptsächlich in der B1-Mannschaft, wobei die C1 um die Tabellenführung in der Landesklasse spielt. Zudem macht unser Sohn zusätzlich Sprinttraining und erhält von mir als Vater und B-Lizenz-Trainer 2x pro Woche Einzeltraining. Außerdem ist er noch in der Sichtung für die U14-Landesauswahlmannschaft.
      Hier stellt sich die Frage, wie sehr der Wechsel zu einem NLZ Sinn macht- oder was der beste Zeitpunkt wäre, da unser Sohn zwar gerne zu einem NLZ möchte, aber im Grunde noch eher Kind als Jugendlicher ist und zwar nicht klein, aber auch nicht akzeleriert ist.
      Für jegliche Hilfestellungen in dieser wichtigen und schwierigen Frage wären wir äußerst dankbar!

      Reply
      1. Michi Schuppke

        Hallo Soccermind,
        Ich rate dazu, ihn im Moment in seinem gewohnten Umfeld zu belassen und abzuwarten, bis Ihr Sohn in die Pubertät kommt und somit besser absehbar ist wo die Reise körperlich hingeht.
        Vor der Pubertät wäre meines Erachtens fatal, da der körperliche Unterschied noch größer werden wird. Generell macht der Wechsel erst Sinn wenn Ihr Sohn im zukünftigen NLZ unter den Besten 6 einzuordnen ist.
        Ansonsten ist die Gefahr herauszufliegen viel zu groß. Das einzig wirklich wichtige in der Entwicklung der Jungs ist gutes, intensives und häufiges Training mit möglichst viel Spielzeit am Wochenende.
        Wenn Ihr Sohn mit der Pubertät spät dran ist, wird er in den nächsten Jahren nochmals an Boden verlieren. In der C Jugend liegen die Jungs zum Teil 7 Jahre biologisch auseinander. Ihr Sohn könnte demnach körperlich erst 12 sein, während die anderen bereits ausgewachsen sind.
        Da höherklassige Teams und NLZs fast ausschließlich auf akzelerierte Spieler setzen, erscheint Ihr Sohn in diesem Alter nicht durchsetzungsfähig und eher langsam, obwohl er vielleicht ein viel höheres Potential hat.
        Dies können wir allerdings nur einschätzen und nicht mit Sicherheit sagen. Eines aber sicher: Ein Wechsel vor der Pubertät ist sinnfrei, da das Risiko keine Spielzeit zu erhalten, enorm ist. Damit zerstören Sie sein Potential
        Ohne Spielzeit, keine Freude, Ohne Freude kein Fortschritt. Ich trainierte mal einen Jahrgang 1999 und das über viele Jahr hinweg. Von der E-Jugend bis hin zur B-Jugend. Hier war ein sehr talentierter Spieler, welcher nie in einem NLZ war und erst zur U19 dorthin wechselte. Wir haben zudem niemals in einer Liga gespielt ( nur wöchentliche Freundschaftsspiele. Heute ist der Einzige Spieler aus diesem NLZ der es in den Profikader geschafft hat.
        Er hat nie Juniorenbundesliga gespielt. Er hatte aber immer intensives Training und volle Spielzeiten.

        Ich hoffe ich konnte Euch etwas weiterhelfen. Gerne könnt Ihr mal bei uns in München vorbeischauen, dann schau ich Ihn mir mal an und kann eine etwas genauere Einschätzung abgeben

        Viele Grüße
        David Niedermeier

        Reply
  6. Trainer7691

    Folgende Sätze schrieben Sie:

    “Die Folge dessen ist, dass jetzt alle vermehrt 1 gegen 1 Übungen im Training durchführen. Dabei wird aber wenig oder kaum im Detail korrigiert. Man trainiert halt jetzt das 1 gegen 1.
    Die Spieler müssen im Detail erklärt bekommen, woran es liegt, wenn der Trick im Spiel nicht funktioniert.
    Dies braucht wiederum ein enormes Knowhow und Spezialisten bei den Trainern!”

    Hier stellt sich die Frage, wie kommt man an dieses Wissen, wenn man nicht NZL Trainer ist ?

    Reply
    1. Michi Schuppke

      Hallo Trainerkollege,

      NLZ Trainer haben dieses Wissen leider in den meisten Fällen auch nicht, sonst würden ja mehr Spieler das 1 gegen 1 in Deutschland auf hohem Niveau variantenreich und erfolgreich beherrschen.

      Ansonsten können Sie alles auf unserem Videoportal MFSFussballtraining.TV in über 1000 Videos ansehen. Wir haben hier auch Erklärungsvideos, worauf es in 1 gegen 1 Situationen ankommt. Wir machen dies seit über 15 Jahren so und haben genau dieses KnowHow. Wir machen daraus kein Geheimnis. Auf http://www.mfsfussballtraining.tv können Sie sich komplett darüber informieren.
      Viele Grüße
      Michi

      Reply

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