Warum können sich Erwachsene beim Kinderfußball nicht benehmen?

Teilen: Share on FacebookPin on PinterestTweet about this on TwitterShare on Google+Print this page

Eine erschreckende Meldung von einem Kinderfußballturnier ging am Wochenende über den News Ticker: Messerstreit beim Kinderfußball-Turnier! (Bild am 01.07.2019) konnte man da lesen. Unglaublich aber wahr – ein Vater attackierte einen Vater des Gegners mit einem Messer. Vor den Augen der Kinder und bei einem Turnier von Kinder des Jahrgangs 2011! Natürlich ein extremer Fall und nicht an der Tagesordnung, aber trotzdem lässt sich gerade im Kleindfeldfußball und gerade bei Turnieren immer wieder beobachten, dass einige Eltern und leider auch Trainer wirklich nichts verstanden haben und die Kinder nicht einfach das machen lassen, was Kinder in jungen Jahren noch so wunderbar können: sie denken noch sehr oft den traditionellen olympischen Gedanken. Gewinnen wollen natürlich, Verlieren macht keinen Spaß, aber Gegentore werden nach Spielende auch schnell wieder vergessen. Und reichen nach Niederlagen oder auch Fouls den Gegnern die Hand. Wenn man sie nur lässt und sie dazu als Vorbild ermutigt. Wenn…

Warum spielen Kinder Fußball und was sind die Ziele? Dass man diese Frage überhaupt noch beantworten und erklären muss, ist verrückt. Aber es muss wohl so sein. Denn wer glaubt, dass falscher Ehrgeiz, lautes und unqualifiziertes Gebrülle, Gepöbel gegenüber anderen Eltern oder gegenüber Schiedsrichtern, Rangeleien die Ausnahme sind, der schaut sich doch mal bitte eines der an den kommenden Wochenenden stattfindenden Sommerturnieren im Kleinfeldbereich an. Denn genau hier sind natürlicherweise die meisten Eltern mit an Bord.

So habe ich mir in den letzten Wochen aus Interesse zwei E-Jugendturnieren angesehen. Einfach nur, weil zum Teil gute Jugendmannschaften mit dabei waren und mich interessiert hat, wie hier Fußball gespielt wird. Bekomme ich viele lange Bälle zu sehen oder darf ich den ausbildungsorientierten Versuch von Spielaufbau, Dribblings und Tricks bewundern?

Auch interessant: “Ausbildungsorientiert denken!”

In beiden Turnieren gab es neben zum Teil wirklich guten Kinderfußball auch zwei Musterbeispiele für impulsives Verhalten von Eltern und überkritischem, ja beschimpfenden Coaching von Trainern zu beobachten. Und genau diese Beispiele vernichteten die eigentlichen Ziele von Kinderfußball auf eine extreme Art und Weise.

Wenn ein Kind Fußballspielen beginnt, dann tut es dies zunächst mal aus einer enorm großen Freude und Leidenschaft heraus für diese tolle Spiel. Und genau das gilt es zu fördern! Spaß und Freude an einer geilen Sportart sollten zeitlebens im Vordergrund stehen. Völlig egal, wohin die fußballerische Reise geht. Später in 45 Jahren soll der Spieler beim Anblick eines Balles immer noch große Lust verspüren, die Kugel elegant in den Winkel zu schlenzen. Und selbstverständlich soll das Kind Fußballspielen bestmöglich erlernen und sich dort stetig verbessern. Denn das ist ja das Ziel von Fußball im Verein und dem muss man natürlich durch gutes Training gerecht werden.

Affiliate Leaderboard ( 728 x 90 )_1

Und auf Beides hat das Kind ein Recht, wenn es sich für Fußball im Verein entscheidet: sich zu verbessern und seine Leidenschaft und Freude am Fußball ausleben.

Bei den angesprochenen Kinderturnieren passierte aber in zwei Fällen das Gegenteil davon. Im ersten Fall schied eine echt gute Mannschaft bereits in der Vorrunde aus, welche eigentlich von ihrem spielerischen und fußballerischen Potential locker das Halbfinale hätte erreichen müssen. Die Jungs waren echt gut. Durchweg technisch versierte und schnelle Spieler mit einer anfänglich wunderbaren Spielfreude. An der Seitenlinie und – auch ein fürchterliches Phänomen – neben dem eigenen Tor aber standen zwei Trainer, die sich in lautem, abschätzigem Gebrüll und negativen Gestikulieren gegenüber den eigenen Spielern nur so überboten. Zusätzlich gab es 5 Väter, die alle in verschiedenen Landessprachen ihre eigenen Kinder mit Anweisungen lautstark überhäuften. Die Kinder auf dem Feld fingen daher ab dem zweiten Spiel an, sich bei Fehlern gegenseitig zu beschimpfen, meckerten bei angeblichen Fouls gegen den Schiedsrichter und fielen nur noch durch zu egoistisches Spiel auf. Und der arme Torwart war durch das Geschrei seines Trainers direkt neben ihm so eingeschüchtert, dass auch die einfachsten Bälle drin waren. Und nach jedem Spiel weinten fast alle Spieler Tränen der Wut. Sie waren einfach kein Team, keine Einheit. Aber wie sollten sie das auch sein? Und so schieden sie in der Vorrunde aus, weil sie gegen schwächere Teams, die als Einheit miteinander dagegen hielten, nicht gewinnen konnten. Obwohl die Jungs wirklich gute Spieler waren. Ich gehe sogar so weit und würde manche in dieser Mannschaft als talentiert bezeichnen. Aber in so einem Umfeld kann das Ziel, die Kinder besser zu machen, nie im Leben funktionieren.

Im zweiten Fall bei einem anderen Turnier waren die Eltern diejenigen, die dem Erfolg der Kinder eindeutig im Weg standen. Die Jungs spielten super Fußball, toll anzusehen. Immer offensiv ausgelegt, sehr kreativ mit super Dribblings, Finten und guten Passspiel. “Schuld daran” hatte der junge Trainer, der die Jungs offensichtlich kicken ließ und mit konstruktiven Anweisungen sie dabei unterstützte. Alles gut also müsste man meinen. Aber bereits ab dem ersten Spiel war auffällig, dass die Eltern permanent für eine Unruhe sorgten. Sie machten gegenteilige Ansagen zum Trainer, und zwar auch hier wieder jeder für sein Kind. Sie lobten wenig und setzten die Kinder unter Druck. “Spiel einfach”, “Zieh ab”, “NEEEIIIN”, “Wie kannst du den nicht machen?”, “Das gibt es doch nicht” – nur ein paar Beispiele von Kommentaren der Eltern. Und das spürte man auch bei den Jungs. Trotz aller Qualität der Spieler und des Trainers – von Spiel zu Spiel wurde die Stimmung bei Fehler aggressiver und nervöser. Obwohl es eigentlich keinen Grund dazu gab. Und so kam das fast schon Konsequente: Im Halbfinale schied das Team gegen ein deutlich schwächeres Team knapp aus. Das Kämpferherz hatte sich durchgesetzt. Was aber danach passierte, war nur noch peinlich. Die Eltern beschimpften sich gegenseitig bzw. gaben einem anderen Kind aus der Mannschaft die Schuld für die Niederlage! Es fielen Sätze wie “Dein Sohn hat Schuld daran” und “Ja deiner hat doch nicht das leere Tor getroffen”. Dies alles endete dann in Schubsereien und Handgreiflichkeiten zwischen den Eltern – vor den Augen der Kinder. Der Trainer zog daraufhin die Reißleine und brach das Turnier ab (das finale Platzierungsspiel stand noch aus).

Auch hier nimmt man den Kindern einfach die Freude am Spielen, die sie zweifelsfrei in hohem Maße eigentlich haben. Und weil die Jungs auch noch gut sind und echt was drauf haben, werden sie in diesem Fall auch noch um den Erfolg gebracht. Nur weil die Eltern sich nicht zu benehmen wissen.

Was denn genau die Gründe für all dies ist, ist schwer zu sagen. Es ist zu einfach , wenn man sagt, dass alle in ihren Kindern die kommenden Profis sehen. Mit Sicherheit gibt es das, aber ob das der zentrale Grund ist, weiß ich nicht. Ich habe mal einen Vater darauf angesprochen. Er antwortete mir: “Ich will doch nur das Beste für meinen Sohn”. Vielleicht ist es also oft so einfach und nicht aus einer bösen Absicht heraus. Dass damit das Gegenteil erreicht wird, scheinen viele nicht zu verstehen. Aufklärungsarbeit wäre dann also mehr angebracht als Verbote oder Sperrzonen für Eltern um das Spielfeld.

So oder so – das rechtfertigt natürlich nicht irgendwelche Angriffe mit Messern, Handgreiflichkeiten und Pöbeleien. Und ändert auch nichts an der Tatsache, dass man die Kinder um Freude, Freunde und um das Recht auf Fußball Lernen bringt. Das ist Fakt!

Eine gute Fußballzeit

Euer Michi

Gedanken zu “Warum können sich Erwachsene beim Kinderfußball nicht benehmen?

  1. Susanne Amar

    Toller Artikel und ein Thema, das abendfüllend ist :-) Ich glaube nicht, dass Verbote und Sperrzonen viel bringen. Sie können eine Ergänzung sein, führen aber alleine nicht ans Ziel. Aus meiner Arbeit weiß ich, dass viele Eltern “wirklich” nur das Beste für ihr Kind wollen? Was ist das Beste? Was ist das Beste für sie? Wie definieren wir das Beste? Ist es Erfolg oder Spaß oder beides? Woher kommt die Erfolgsgetriebenheit vieler Eltern? Meist hat sie gar nicht so viel mit dem Sport ihres Kindes zu tun, sondern mehr mit ihrer eigenen Geschichte. Vielleicht selber mal die Möglichkeit gehabt zu haben im Fußball erfolgreich zu sein , was aus den verschiedenen Gründen nicht dazu geführt hat. Oder die Identifikation (meist unbewusst) mit ihrem Kind lässt auch sie erfolgreich sein, nach dem Motto: “Ist mein Sohn ein guter Spieler, habe ich meinen Job als Vater/Mutter gut gemacht.” Kennen wir bereits seit Jahren aus dem Schulleben und hat mittlerweile auch in der Freizeit Einzug gehalten. In meinen Vorträgen/Workshops lasse ich Eltern gerne mal die Perspektive wechseln, die Rolle des Trainers und des Spielers in einer typischen Situation einnehmen. Es ist immer spannend, wie sich der Blickwinkel verändert, was nicht sofort zur totalen Einsicht führt, aber zu einem ersten Verständnis, was dann vielleicht ein anderes Verhalten bewirkt. Ein Thema, was Aufklärung, Angebote und Geduld erfordert und auch dann nicht alle erreichen wird …

    Reply
    1. Michi Schuppke Autor

      Hallo Susanne,

      vielen Dank für Ihren Beitrag. Hätten Sie Interesse zu diesem Thema mal einen Gastbeitrag zu schreiben? Das würde mich sehr freuen.

      Mit besten Grüßen
      Michael Schuppke

      Reply

Hinterlasse einen Kommentar zu Michi Schuppke Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>