Scouting im Jugendfußball – Ein Plädoyer für guten Stil!

Immer früher und immer aggressiver, so könnte man die Entwicklung der letzten Jahre beschreiben, was das Scouting im Jugendfußball angeht. Man könnte jetzt entgegnen: Das war schon immer so! Und außerdem frisst der Große halt den Kleinen oder wie man bei uns in Bayern sagt „Ober sticht Unter!“. Ganz so einfach ist es aber nicht. Wir sehen vor allem in der Art und Weise wie das Scouting momentan oftmals abläuft gravierende Probleme, die letztendlich allen Beteiligten schaden.

Wir beobachten immer wieder ähnliche Szenen auf den Fußballplätzen und in den Hallen in und um München. Scouts von größeren Vereinen (sowohl NLZ als auch die ambitionierten Vereine eine Stufe darunter) sprechen nach dem Spiel ihren „Wunschkandidaten“ direkt an: „Super Spiel heute. Ich bin Scout vom Verein XY und wir würden dich gerne mal zum Probetraining einladen. Wer ist denn dein Papa?“ Und das passiert oft genug sogar in der E- oder F-Jugend! Der Verein des Spielers erfährt dann meist erst davon, wenn alles vorbei ist.

Wir fordern: Ein gewisses Mindestmaß an Anstand und Respekt muss jeder Scout und jeder Verein einhalten. Deshalb muss eine solche Anfrage immer erst mit dem Verein oder den Eltern kommuniziert werden. Das könnten dann so aussehen: „„Wir sind an Ihrem Spieler mit der Nummer XY interessiert. Dürfen wir ihn kontaktieren und können Sie uns zu diesem Zweck die Kontaktdaten geben? Oder haben Sie Zweifel, ob dies denn aktuell überhaupt Sinn macht?“ Der Spieler sollte (zumindest bis zu einem gewissen Alter) eigentlich gar nichts von einer solchen Anfrage mitbekommen. Denn bei einem Kind werden gerade in jungen Jahren Erwartungen und Hoffnungen geweckt, die dann eventuell nicht eingehalten werden. Wir kennen einen Spieler aus einer E-Jugend, der vor über einem halben Jahr von einem Scout angesprochen und ein Probetraining versprochen wurde. Er wartet noch heute darauf. Deshalb muss der Scout auch den Eltern und dem Verein sagen, dass sie auf keinen Fall mit dem Kind sprechen sollen, solange noch nichts entschieden wurde. Außerdem müssen Scouts zwingend die Eltern transparent aufklären. Gerade Eltern die mit Fußball selbst nichts am Hut haben sind schon etwas überfordert mit so einer Situation und können gar nicht richtig einschätzen, was das für sie und ihren Sohn bedeutet. Passt das aktuell für mein Kind? Ist es noch zu früh, weil er sehr schüchtern und sensibel ist? Ist er im Kopf schon so weit, aber kann er denn körperlich mithalten?

Aber was macht man als Scout, wenn man vorbildlich den Verein zuerst fragt und dieser „nein“ sagt? Wir denken, man muss sich dann die Gründe des Vereins anhören. Klar, wenn man nur ein stures „wir geben ihn nicht her“ hört, kann man den Verein schon übergehen. Aber diese Situationen bilden ja eher die Ausnahme. Wahrscheinlicher ist es doch, und so haben wir es meist erlebt, dass der Trainer des Spielers, der seinen Schützling bestens kennt, sagt er ist psychisch noch nicht so weit, dass er sich bei einem Verein wie dem FC Bayern oder 1860 München durchsetzen kann. Dann macht es durchaus Sinn sich gemeinsam zu überlegen, was das Beste für den Spieler ist. Denn darauf kommt es ja an. Nicht was der Stammverein oder der interessierte Verein will. Sondern was ist für die Entwicklung des jungen Talents am besten? Und da kann es eben durchaus sinnvoll sein, dass der Junge noch 2 Jahre in seinem gewohnten Umfeld kickt, wo er sich wohlfühlt und wo er seine Freunde hat. Und erst dann den Schritt zum größeren Verein macht.

Letztlich sollte es für alle Beteiligten darum gehen, was das Beste für den Spieler ist. Und das gilt sowohl für die Scouts, als auch für die Stammvereine und die Eltern. Denn auch diese wollen natürlich ungern ihren Superstar abgeben oder wollen, im Fall der Eltern, ihre eigenen Träume durch das Kind verwirklichen. Wenn aber von allen Seiten von Anfang an offen kommuniziert wird, dann kann man auch eine Lösung finden, die für das Kind am Besten ist und es in der fußballerischen Entwicklung optimal unterstützen. 

Zum Abschluss ist es uns wichtig klarzustellen, dass wir hier nur die Art und Weise des Scoutings im Moment kritisch hinterfragen. Ob es überhaupt Sinn macht im F- und E-Jugend Bereich zu scouten steht auf einem anderen Blatt. Das werden wir in einem weiteren Blogartikel behandeln.

Herzliche Grüße

Michael Schuppke

2 Gedanken zu „Scouting im Jugendfußball – Ein Plädoyer für guten Stil!

  1. Alexandra Wegner

    Hallo Michi. Tatsächlich habe ich als Jugendleiterin gerade heute die Situation gehabt, dass der FC Ingolstadt uns eine Email geschrieben hat und einen Spieler unserer E-Jugend ins Probetraining eingeladen hat. Zuerst habe ich mich gefreut, dass der Verein diesen Weg geht, aber als ich den Vater des Kindes kontaktiert habe, hat er mir gesagt, ja, das weiß er schon länger, kommende Woche ist das Probetraining. Auch hier hatten die Ingolstädter das Kind/den Vater auf einem Hallenturnier angesprochen. Das scheinheilige „Nachinformieren“ des Vereins hätten sie sich somit auch sparen können. VG Alex

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  2. Lothar Jahn

    Hallo Michi,
    ich bin 68 ca. 30 Jahre als Jugendtrainer vorrangig in den Jahrgängen F – D tätig und habe in dieser Zeit ca. 30 Spieler aus ambitionierten Vereinen vorrangig zum 1. FC Köln und Bayer Leverkusen gebracht. Ich bin seit 13 Jahren beim FC Hennef 05, einem der besten Ausbiidungsvereine im FVM. Die B spielet Bundesliage schon melhrere Jahre, wohl immer gegen den Abstieg, aber schafft es meistens noch. Da ich immer noch Kontakt zu meinen ehemaligen Spielern habe, konnte ich deren Werdegang auch genau verfolgen. Auffällig dabei ist, von den Spielern von denen man es am wenigsten erwarten konnte, haben mindestens A Jugend Bundesliga gespielt und sind dann später auch in 3 Liga und Regionalliga im Seniorenbereich gelandet. Die Spieler die als größte Talente bereits schon in Kinderjahren gesehen wurden, waren meist nach einer Verweildauer von ca. 2 Jahren wieder aussortiert und spielen heute wenn überhaupt nur in unteren Amateurklassen noch Fußball. Da bei den NLZ jedes Jahr die Trainer wechseln war das für manchen auch ständig ein Wellenbad der Gefühle. Ein Spieler davon war im ersten Jahr direkt unter den ersten 5, im 2. Jahr Kapitän im 3. Jahr raus, da zu klein. eigentlich wollte er aufhören nach gutem Zureden dann bei einem Aufsteiger B Bundesliga gespielt, dort einer der besten 6 er in der Klasse in der A wieder zu einem NLZ gewechselt. Ist heute Kapitän der U 23 von Fortuna Düsseldorf. Andere Spieler erst auffällig geworden, als sie in der U 15 Mittelrheinauswahl mit den besten von Köln und Leverkusen zusammenspielten und dort zum Stamm gehörten, danach alle bis in die U 23 gekommen. Meine Erfahrung, die hoch talentierten, sind meist sensibel, zudem fehlt entweder Schnelligkeit oder die Größe und Körperkraft. Sie brauchen daher viel Zuspruch und Vertrauen des Trainers. Wenn dies der Fall ist sind überraschende Entwicklungssprünge möglich wie dies das kommenden Beispiel zeigt.
    Der Kaptiän unserer U 15, technisch und in der Spielübersicht schon immer seinen Jahrgangskollegen weit voraus auch immer in der Sichtung aber als zu langsam abqualifiziert, hat jetzt im letzten halben Jahr körperlich deutlich zugelegt und hat jetzt im Antritt und auch auf den nächstten 30m so zuzgelgt dass er allen vormals als schnell bezeichneten Spielern mit und ohne Ball mühelos wegläuft. Das hat dazzu geführt, dass er jezt als 15 jähriger zur Rückrunde im Bundesligakader unserer U 17 aufgenommen wurde und die U 16 Verbandsliga direkt übersprungen hat. Diese Art von Spieler haben leider keine Chance im NLZ zu reifen, was ich bis heute nicht verstehe. Denn das sind die eigentlichen Spieler, die das Zeug haben ganz nach oben zu kommen, wenn alle Körperlichen und Mentalitätsmonster nicht mehr weiterkommen. Wenn ich solche Gespräche mit Mitarbeitern aus dem NLZ führe, bekomme ich immer Ja, aber…..Alle spielen nur für den kurzfristigen Erfolg der Mannschaft und das Image des Vereins. Der tägliche Tagesstress durch Schule, Anfahrt, Training, Rückfahrt, Hausaufgaben, ist ‚Stress, verhindert die Entwicklung in körperliche und seelischer Hinsicht und schafft auf Dauier Burnout Effekte. Wenn ich dann meine ehemaligen fröhlichen und selbstbewußten Jungs wenn sie dann nach 2-3 Jahren entnervt zurückkommen wiedersehe, blickte ich meist in hohlwangige verschüchterte Gesichter und die jetzt sogar Probleme haben in ihrer alten Mannschaft Fuß zu fassen.
    Ein Beispiel noch zum Schluss, Unser Kapitän der A Jugend hat zur Winterpause aufgehört, war letztes Jahr noch Kapitän der B Bundesligamannschaft, hat noch im Dezember neben dem Mannschaftstraining noch regelmäßig mit einem exteren Coach Zusatztraining gemacht. Hätte mit Sicherheit die Qualität um in einer U 23 Regionalliagamannschaft zu spielen, ich fragte ihn, Johannes was ist los, wie kommts, jetzt kurzfristig den Entschluß gefaßt? Nein, nach dem ich in Köln aussortiert wurde (nach der U 15) ging es eigentlich ständig bei mir bergab und ich wollte eigentlich hatte aber danach immer wieder Probleme mich für den Fuißball noch richtig zu motivieren. Schade, kann man da nur sagen. Meiner Meinung sollte man vor der U 14 wenn man in einem guten Verein mit einer ordentlichen Ausbilduing spielt nicht wechseln. Diese Mannschaften spielen meist auf Augenhöhe mit den NLZ auch wenn sie keinen Nachwuchscup der nur den NLZ hier vorbehalten ist, spielen dürfen. Da ich nicht sehe dass ein Umdenken bei den NLZ stattfindet, sollte der DFB gewisse Quotierungen für die NLZ vorschreiben. Neben der festgelegten Kadergröße, eine MIndestverweildauer von U 8 – U 10 von 4 Jahren, U 13-U 16 von 3 Jahren.
    Weiterhin dürden bei Kadergröße 12-15 Spieler nach Ende der Saison max 2 Spieler dazugenommen bzw. aussortiert werden. Ab Kadergröße 16-20 Je 3 Spieler, darüberhinaus 4 Spieler. Spieler, die aussortiert werden, müssen in sog. Partnervereinen die ab der U 13 in den höchsten Jugendklassen spielen müssen untergebracht werden. Ich bin überzeugt, dass wäre ein Ansatz zu mehr Nachhaltigkeit und würde auch dauerhaft zu einer Qualitätssteigerung des Jugendfußballs führen.

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