Pro & Contra – Moderner Fußball

Gestern haben wir uns auf Youtube das Halbfinale der EM 1996 zwischen Deutschland und England angesehen. Zusätzlich zu dem Fakt, dass die englischen Elfmeter gar nicht so schlecht geschossen waren, wie man das immer in Erinnerung hat (Stichwort: englisches Trauma beim Strafstoß) entstand bei uns aber eine Diskussion über die Entwicklung des Fußballs an sich. Diese brachte uns auf die Idee der Rubrik „Pro & Contra“.

Der Fußball hat sich in den letzten 25 Jahren massiv verändert. Damit meinen wir nicht die horrenden Ablösesummen oder das was sonst alles noch so drum herum passiert. Sondern das Geschehen ganz konkret auf dem Platz. Die einen sagen: Gut so, das Gebolze von damals kann man sich ja nicht mehr anschauen. Schlimm, sagen die anderen, früher war das wenigstens noch ehrlicher Sport.

Pro (Jojo)


Der Fußball ist schneller geworden. Taktische Aspekte wurden immer mehr verfeinert und von Trainern wie Guardiola, Klopp und Mourinho bis ins letzte Detail perfektioniert. Es wird nichts mehr dem Zufall überlassen und jeder Spieler weiß zu jeder Zeit, wie er sich auf dem Platz zu verhalten hat. Auch athletisch sind die Spieler deutlich besser und wissen durch körperliche Höchstleistungen zu überzeugen. Unvergessen in jüngerer Vergangenheit sind z.B. das unfassbare Kopfballtor von Cristiano Ronaldo gegen Genua, bei dem er gefühlt 3 Sekunden in 3 Metern Höhe in der Luft stand. Oder der Fallrückzieher aus 25 m von Zlatan Ibrahimovic im Länderspiel seiner Schweden gegen England. Und nicht zu vergessen sind natürlich zahlreiche Kunststücke von Lionel Messi, der immer wieder die Grenzen der Physik sprengt und uns damit in Staunen versetzt.
Ich bin froh, dass der Fußball schneller, athletischer und taktisch anspruchsvoller geworden ist. Natürlich gibt es auch heute „langweilige“ Spiele, die man schnell wieder vergisst. Umso bemerkenswerter sind dann aber die Leistungen der Besten, die uns regelmäßig sprachlos zuschauen lassen, wie sie das Spiel immer wieder auf ein neues Level heben. Und ist es nicht das, was wir uns alle wünschen?

Contra (Michi)


Ja, der Fußball mag sich in alle diesen Bereichen weiter entwickelt haben. Auch ist ein Spiel, wie eben jenes Halbfinale der EM 1996 nicht so schnell und taktisch anspruchsvoll wie heute. Aber wenn ich mir dann anschaue, wie Frankreich 2018 Weltmeister wurde, dann ist das doch nicht schön anzusehen. Klar, taktisch vielleicht herausragend gut, aber das 1:0 der Franzosen in diesem Halbfinale gegen Belgien, im Vergleich mit jenem von 1996, war alles andere als interessant oder mitreissend. Gerade Finalspiele waren früher deutlich unterhaltsamer und wurden viel öfter mit dem berühmten „offenen Visier“ von beiden Mannschaften gespielt (es sei denn Italien stand im Finale 😉 ).
Noch viel entscheidender finde ich aber das Verhalten der Spieler auf dem Platz. Heute wird jede Berührung versucht zum eigenen Vorteil zu nutzen. Klar, es geht um viel (Geld), aber das ewige Hinfallen und Lamentieren ist ja nicht auszuhalten. Und nebenbei spiegelt es sich auch auf die Plätze unserer Jugendfußballmannschaften, was an Absurdität nicht zu überbieten ist. Das Halbfinale 1996 wäre heute wahrscheinlich mit 8 gegen 8 zu Ende gegangen. Klar ist da auch mal „übertriebene“ Härte dabei. Aber außer wenn sich jemand wirklich ernsthaft verletzt oder Schmerzen hatte, stand da jeder sofort wieder auf. Eben weil den Spielern damals eines am Wichtigsten war: Fußball Spielen!

Herzliche Grüße

Michael Schuppke und Johannes Zwikirsch

Ein Gedanke zu „Pro & Contra – Moderner Fußball

  1. Torsten Sommer

    Wie alles im Leben hat die Entwicklung des Fußballs sein Pro und Contra.
    Aber nicht alles im modernen Fußball ist auch so neu.
    Bestes Beispiel der oben zitierte Messi. Natürlich hat er tempomäßig die Latte etwas höher gelegt,
    aber die Maradonas, JayJay Okochas, Peles, Libudas, Littbarskis, Matthews usw vereinten auch schon Dribbling, Fintieren und Torgefährlickeit. Gefühlt gab es diese Spieler damals in jeder Mannschaft,
    heute eher selten, weil die Mannschaft mehr im Vordergrund steht und die Dribbler schon oft in der Jugend das dribbeln abgewöhnt bekommen.
    Auch die „moderne“ Flexiblität, dass ein Spieler auf mehreren Positionen einsetzbar ist, ist nicht so neu. Ajax machte diesen Totaalvoetbal schon Anfang der 70er zur besten Mannschaft in Europa. Cruyff setzte dann das was er als Spieler lernte, später als Trainer weiterhin um und verfeinerte es immer mehr. Solange bis sein Schüler Pep Guardiola es verperfektonierte.
    Auch so Dinger wie 3er Abwehrkette, kennen viele schon aus den 70ern oder 80ern. Ernst Happel ging auch schon ins Pressing, was damals noch Forechecking hieß.
    Genauso die heute teilweise destruktive Spielweise, sich hinten reinstellen und vorne zu kontern, machten vor 30-40 Jahren schon die Fohlen in Gladbach und die Italiener feierten damit viele Erfolge mit Vereinen und Nationalmannschaft.
    Aber eines stimmt schon. Der Fußball war früher noch „ehrlicher“. Man fiel nicht nach jeder Berührung und man rannte nicht nach jedem Pfiff mit versammelter Truppe auf den Schiri zu und reklamierte auf Teufel komm raus. Auch wenn damals zum Teil auf alles getreten wurde, was sich bewegte. (Hollerbach: An mir kommt der Ball oder der Gegner vorbei, aber niemals beide zusammen).
    Heut wird halt immer weniger dem Zufall überlassen. Es fängt bei der Ernährung an, geht über den Einkaufs-, Behörden- und Autoputzservice weiter, bis hin zum Einimpfen des Spielsystems. Es wird sich nicht mehr die Mühe gemacht Spieler in das System zu integrieren, sondern bei Trainer- und Systemwechsel, wird der Spieler verkauft, weil er nicht passt bzw ein anderer besser passt.

    Was schöner anzusehen ist, liegt wie vieles im Auge des Betrachters. Jahrelang war das Halbfinale 1970 das beste Spiel aller Zeiten. Heut ist die Frage, ob die damaligen Spieler heute noch in der absoluten Weltspitze zu finden wären und ob sie das heutige Tempo damals in Mexico hätten 120 min gehen können. Würde ein Gerd Müller heute nochmal 360 Bundesligatore erzielen oder hätte er überhaupt heutiges Bundesligaformat? Es lässt sich einfach nicht vergleichen und das ist manchmal auch gut so.
    Nostalgie soll man sich nicht nehmen lassen.

    Ich hoffe, jemand versteht was ich ausdrücken mochte. 🙂

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.