Natürlich wollen wir gewinnen!

Eine der häufigsten Kritiken, die unsere Trainer hören ist, dass wir angeblich nicht gewinnen wollen. Ganz aktuell hat uns ein Trainerkollege im Gespräch vorgeworfen: „Gewinnen ist euch doch scheißegal!“. Das ist natürlich absoluter Unsinn. Selbstverständlich wollen wir gewinnen. Und zwar immer und am liebsten jedes Spiel. Aber eben mit unseren Mitteln und nicht um jeden Preis!

Wenn man sich etwas näher mit unserer Philosophie befasst, wird einem das auch schnell klar. In unserem Buch „Einfach besser Fussballspielen – Das Standartwerk für Trainer und Spieler“ gehen wir noch genauer darauf ein:

Nichts ist einfacher als Fußballspiele in der F- oder E-Jugend zu gewinnen. Man nimmt die am stärksten entwickelten Kinder (es sind meist die ältesten des Jahrgangs), bolzt mit ihnen Kondition und macht vor dem Tor Abschlusstraining bis zum Umfallen. Die schwachen Kinder (es sind meist die jüngeren des Jahrgangs) setzt man dagegen auf die Auswechselbank oder nimmt sie erst gar nicht mit zum Spiel. Das Ergebnis ist eine Gewinnquote, die sich wahrlich sehen lassen kann. Nach genau diesem Prinzip wird leider noch immer in den meisten Fußballvereinen verfahren. Statt Kinder auszubilden, werden sie selektiert. Die Starken kommen weiter, die vermeintlich Schwachen werden aussortiert. Selbst in den 400 Leistungszentren des DFB dominieren die Frühgeborenen eines jeden Jahrgangs. Kein Wunder, ein im Januar geborener Junge ist einem im November oder Dezember geborenem in der Regel körperlich überlegen. Aber ist er deswegen wirklich der bessere, der stärkere Fußballer? Nein, er hatte lediglich zehn Monate mehr Zeit zu wachsen. Im Kapitel Das biologische Alter, in dem Sie einige interessante Sachen über den Sinn und Unsinn von Talentbeurteilung bei Kindern erfahren werden, gehen wir ausführlich auf den Einfluss der Wachstumsphasen auf die sportliche Entwicklung von Kindern ein. Nur so viel vorweg: In der C-Jugend kann der biologische Altersunterschied von Kindern bis zu sechs Jahre betragen. Innerhalb ein und desselben Jahrgangs! Dieser vollkommen normale körperliche Unterschied wächst sich erst mit dem Übergang in den Herrenbereich aus. Mit einem aufs Gewinnen und die Tabelle fixiertem Denken laufen wir jedoch Gefahr richtig gute Fußballer in den Jahren zuvor bereits auszusortieren. Und warum? Weil sie ihren Mannschaftskameraden im Wachstum hinterherhinken und man mit ihnen nicht so leicht gewinnen kann, wie mit den körperlich bereits entwickelten Spielern.

In unserer Ausbildungsphilosophie verzichten wir bis zur D-Jugend aufs Gewinnen wollen. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter und schwächen unsere Mannschaften ganz bewusst, indem wir ohne festen Torwart und mit einem Rotationsprinzip spielen, bei dem jeder Spieler auf jeder Position im Feld eingesetzt wird. Gegen „spezialisierte“ Mannschaften verlieren wir sicher das eine oder andere Spiel, wenn unser bester Verteidiger in den letzten zehn Minuten vorne im Sturm spielt. Dafür gewinnen unsere Kinder jedoch etwas viel Wertvolleres: Mit ihren Kenntnissen über jede einzelne Position auf dem Feld entwickeln sie mit der Zeit ein umfassendes Spielverständnis und sie entwickeln sich auch technisch weiter. Jede Position bringt unterschiedliche Herausforderungen in der Koordination oder bei der Ballverarbeitung mit sich. Nur wer in der Jugend auf jeder Position spielt, kann sich taktisch, technisch und koordinativ komplett entwickeln. Ein ganz wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg hin zum perfekten Fußballer. Spieler, die bereits in ihrer Jugend ausschließlich auf ein und derselben Position eingesetzt werden, haben diese Möglichkeit nicht. Sie bleiben in ihrer Entwicklung stehen. 

Es ist nicht so, dass wir verlieren wollen oder dass uns Niederlagen nichts ausmachen. Im Gegenteil. Aber überall dort, wo das Gewinnen der fußballerischen Ausbildung entgegensteht, verzichten wir in den ersten Ausbildungsjahren lieber darauf. Und ehrlich, wer erinnert sich heute noch an Ergebnisse von F- oder E-Juniorenspielen von vor fünf oder zehn Jahren? 

Wer sich noch genauer mit unserer Philosophie auseinander setzen möchte, dem empfehlen wir einen Blick in unser Buch. Gibt’s z.B. bei Amazon 😉

Herzliche Grüße

Michael Schuppke

4 Gedanken zu „Natürlich wollen wir gewinnen!

  1. Mike Marthaler

    Vielen Dank für diesen Beitrag,

    ich trainiere „auf dem Dorf“ eine F-Jugend im zweiten Jahr und habe mich entschlossen, Euer Rotationsprinzip auszuprobieren. Alle 6-7 Minuten rotieren die Jungs eine Position weiter. Tormann bleibt in einem Spiel fest. Nach etwas Chaos in nur zweimaligem Training hat es im Spiel fast ohne Verwirrung geklappt. Jeder hat (fast) jede Position gespielt. Fünf verschiedene Torschützen und zwei Gegentore in zwei Minuten, als eben etwas jüngere und kleinere Spiele verteidigt haben.
    Die Kinder lernen manchmal schneller als man denkt. Man muss Vertrauen in sie haben.

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    1. Michi Schuppke Beitragsautor

      Hallo Mike,

      genauso ist es. Noch ein Tipp zum Rotationsprinzip: Wenn man das Gefühl hat, dass die Kinder mit einer 6-7 minütigen Rotation dauerhaft überfordert sind und sich gar nicht mehr dadurch entwickeln – was v.a. bei Anfängern öfter der Fall ist – dann kann man die Intervalle gerne auch mal verlängern. Das heißt, dass eine Rotation z.B. nur in der Halbzeit stattfindet, zumindest in den ersten 2-3 Spielen. Gerade bei Anfängern oder bei Kindern, die nicht so schnell lernen, führt zu Beginn eine sehr häufige Rotation zu einer permanenten Überforderung durch das Mehr an verschiedenen Positionen im Spiel. Man darf die Kinder auch mal überfordern, aber es soll keine so große Überforderung sein, dass keine Entwicklung mehr stattfindet. Man muss als Trainer schon noch das Gefühl haben, dass die Kinder sich dem annehmen und daran wachsen. Ansonsten eben Ihnen einfach ein klein wenig mehr Zeit geben und dennoch nicht auf die Rotation verzichten. Solange, bis man das Gefühl hat, dass es nun passt und dass dann auch in kürzeren Abständen rotiert werden kann.
      Mit besten Grüßen

      Michael Schuppke

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  2. Andreas

    Hallo Team von MFS, Hallo Michi,
    ich bin auf die von euch häufig beschriebene „klassische“ Weise als Vater zu einem Jungjahrgang F Jugend gekommen und habe mich aufgrund mangelnder örtlicher Anleitung sehr schnell bei euch, sowohl im Buch als auch im Portal wiedergefunden. Als ehemaliger ambitionierter Sportler und Trainer einer anderen Sportart waren für mich die Ideen sofort nachvollziehbar. Fast drei Jahre später muss ich gleichzeitig immer noch sagen:
    Verlieren tut weh! Ich verliere nicht gerne und bin auch mit 40 immer noch nicht gut darin (und als Jungjahrgang E-Jugend verliere ich gerade wieder sehr viel).
    Dennoch, jeder der sich unsere Spiele mit Sinn und Verstand ansieht, erkennt, dass die „Kleinen“ schon eine Menge richtig machen, tolle Finten (immer häufiger) einsetzen und das plötzlich größere Spielfeld Stück für Stück für sich erobern. Wenn es dann doch mal wieder gegen einen Altjahrgang eine heftige Niederlage gegeben hat, reden wir uns immer wieder ein, dass es ja irgendwann auch mal anders wird (wann eigentlich?). Parallel vereinbaren wir immer wenn es geht, Testspiele gegen „nieveaugleiche“ Gegner.
    Derzeit hoffen wir, dass wir in einem leistungsorientierten Verein die nötige Zeit bekommen diesen Weg auch zu Ende zu gehen.
    Beste Grüße Andreas

    P.S. Als Vater der immer mehr Trainer wird, würden mich mehr praktische Inhalte zu taktischen Grundlagen interessieren. Beispielweise der Michi wie er im Livecoaching die Raumaufteilung anleitet.

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    1. Philipp

      Ich (Trainer F2) kenne das. Es tut einfach so weh zu verlieren obwohl man technisch besser spielt und der Gegner einfach nur älter ist. Aber ich bin auch davon überzeugt es ist auf lange Sicht der beste Weg.

      Wenn der Gegner dann auch noch, warum auch immer 3 Top Spieler aus seiner F1 in seiner F2 einsetzt. Ärgert man sich schon …

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