Jugendfußball: Zu gut für seinen Jahrgang?

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Es kommt immer wieder mal im Kinderfußball vor, dass ein guter Junge zu gut für seinen Jahrgang wirkt, in den Spielen nicht wirklich gefordert scheint und daher einen Jahrgang höher spielt und trainiert. Es scheint ein sinnvoller Schritt zu sein. Aber dabei kann es zu großen Problemen kommen, wie eine Nachricht einer Mutter eines 8 jährigen Buben an uns zeigt:

“Mein Sohn ist 8 Jahre. Eigentlich müsste er in der F-Jugend spielen. Da ist er aber unterfordert. Er spielt ein Jahrgang drüber bei den 2009ern. Das Training gefällt ihm sehr. Er bekommt ein sehr gutes Training. Wir haben allerdings ein großes Handicap. Jetzt in der E merkt man schon sehr stark, das er körperlich weit unterlegen ist. Er ist für sein Alter eh nicht groß und jetzt hat er Gegner die 1,5 – 2 Köpfe größer sind. Er versucht sich durchzusetzen, aber man merkt körperlich sehr stark den Unterschied. Natürlich kommt er da auch nicht immer zum Einsatz. Was ihn sehr frustriert. Der Trainer ist sehr ehrgeizig und möchte gerne gewinnen. Er spielt und trainiert ab und zu bei der F- Jugend. Da ist leider das Problem, das sein Jahrgang nicht gut vertreten ist und er sich total verausgabt. Er ist dann nach einem Turnier fix und fertig. Jetzt weiß ich nicht was richtig ist. Soll ich ihn bei der E lassen, mit der Option das er körperlich nicht mithalten kann? Oder soll ich ihn in die F tun, wo er keine guten Mitspieler zum anspielen hat und er sich total verausgabt. Möchte auch nicht das er so ein großer Angeber wird ,weil er merkt, dass er der starke Spieler ist. Was meinen Sie? Ich weiß Moment nicht was richtig ist? Haben sie ein Tipp für mich?”

Wie gesagt, zunächst mal scheint es sinnvoll zu sein, den Jungen bei den ein Jahr älteren Jungs mittrainieren und spielen zu lassen. Dort ist das Training zwar gut, er ist aber bei den Spielen körperlich noch sehr unterlegen. Da der Trainer dort ganz offensichtlich das Ergebnis in der Vordergrund stellt, kommt er gar nicht oder nur sehr wenig zum Einsatz. Er mag zwar ein sehr guter Spieler sein, aber in diesem Alter gewinnt man die Spiele eher mit körperlich weit entwickelten Spielern, auch wenn sie nicht die besten Fußballer sein mögen. Wenn man nun einen Trainer hat, dem Erfolg wichtiger ist, als die technische, taktische und koordinative Entwicklung ALLER Spieler, dann hat der retardierte Junge wie in unserem Beispiel hier ein Problem. Gutes Training ist natürlich wichtig, aber die hoffentlich zahlreich erlernten Tricks und Techniken müssen nun auch im Spiel angewendet werden dürfen. Nur so wird der Junge später ein guter Spieler. Wenn er dort bei den älteren Kindern nicht spielen darf oder er zwar spielt, und dann aber nichts ausprobieren darf, weil er einfach körperlich nicht mithalten kann, dann macht es keinen Sinn dort zu spielen.

Das muss man also ganz individuell entscheiden und darf nicht einfach verallgemeinert werden. Dass ein talentierter Spieler zu einem älteren Jahrgang im Verein geschoben wird, macht nur dann Sinn, wenn er hier körperlich auf einem Level mit den anderen Spieler ist, so dass er viel Spielzeit bekommt, um sich dort zu entwickeln. Ist das nicht der Fall, kann das Training dort noch so gut sein – ohne Spielzeit, in welcher er auch tatsächlich mit Ball spielen und lernen kann, wird das Talent keine Chance auf eine gute Entwicklung haben. Ein gutes Beispiel ist der mittlerweile sehr bekannte Spieler Moukoko in Diensten von Borussia Dortmund, der mit 14 Jahren bei der U17 trainiert und SPIELT und dort auch viele Tore schießt. Hier macht es Sinn und ist genau die richtige Entscheidung.

Was ist aber nun für unseren Jungen am besten? Klar ist, dass er bei der F-Jugend im Training unterfordert zu sein scheint. Daher ist der erste Schritt, ihn bei der E-Jugend mittrainieren zu lassen, sinnvoll. Und wenn das für den Verein und für die beiden Trainer der F- und E-Jugend o.k. ist, dann soll er am Wochenende bei der F-Jugend spielen. Hier kann er körperlich mithalten, der Gegner- und Zeitdruck ist noch nicht zu hoch und so kann er die Tricks und Techniken, die er gelernt hat, auch tatsächlich im Spiel anwenden und testen.

Das Problem dort, dass eigentlich keines ist, von der aufmerksamen Mutter aber gut erkannt wird: dort ist er seinen Mitspielern so überlegen, dass er sich total verausgabt. Was nichts anderes heißt, als dass er alles alleine macht. Für die Entwicklung des Kindes ist dies zunächst mal super. Er ist der Beste im Team. Er darf dribbeln, tricksen, Tore schießen, alle Ecken schießen, alle Freistöße schießen, er spielt alle Positionen etc. Mehr Input für den Jungen geht nicht. ABER dies darf natürlich nicht in Egoismus ausufern, so dass seine Mitspieler keinen Ball mehr von ihm bekommen. Irgendwann wird er natürlich im Spiel müde, macht Fehler, es resultieren Gegentore, die anderen bekommen aber nie einen Ball von ihm und sind genervt (“Jetzt spiel halt mal ab”). Die Mitspieler sollen natürlich von seiner Qualität profitieren, aber sie sollen sich auch weiterentwickeln dürfen! Egal wie ihr aktuelles Niveau ist. Und für die Entwicklung eines guten Spielers ist eine positive charakterliche Schulung auch wichtig. Das heißt, er muss selbstbewusst sein, aber er darf kein reiner Egoist werden, sondern seine Stärken in der F-Jugend auch zum Wohle aller Jungs einsetzen. Er darf dribbeln, das 1 gegen 1 suchen und sich ausprobieren. Und es ist in der Ausbildung auch völlig in Ordnung, wenn er dann einmal zu viel gedribbelt hat und das Abspiel oder den Abschluss verpasst hat. Das sollten alle Spieler im Team dürfen, um sich fußballerisch gut zu entwickeln. Der Trainer muss dem Jungen aber auch klar machen, dass er so oft es geht nach dem Motto handelt: einmal oder von mir aus auch zweimal dribbeln oder tricksen und dann einmal spielen. Egal was danach mit dem Ball passiert! Und dass muss der Trainer lautstark von außen immer wieder fordern. “Geh ins 1 gegen 1. Probier was aus. Super. Pass zum Michi. Sehr gut.” Der Teamplayer muss auch anerzogen werden.

Wenn das erfüllt wird, dann ist das für die Entwicklung des Jungen ideal: Training bei den älteren, Spielen mit den klaren Regeln und Aufgaben bei seiner eigentlichen F-Jugend. Was gibt es denn besseres, als dem Jungen so nicht nur eine fußballerische Entwicklung mit auf den Weg zu geben, sondern auch die Erkenntnis, dass der Stärkere den Schwächeren hilft? 

Dass er am Ende dort verausgabt ist, halte ich für kein Problem. Ich denke, das wird er auch dann noch sein, wenn er weniger alleine und mehr mit seinen Kameraden spielt. Aber das ist halt so und macht ihn ja auch langfristig nur athletisch betrachtet besser.

Ich empfehle daher der Mutter ein Gespräch mit den Trainern der F- und E-Jugend, um das gemeinsam so abzustimmen. Der F-Jugend Trainer hat dies eventuell bisher wohlwollend akzeptiert, weil der Junge so die Spiele für die F-Jugend gewinnt. Das wird er aber immer noch zum großen Teil, wenn er mehr seine Mitspieler sucht. Da bin ich mir sicher. Und es haben dann ja alle Spieler was davon, was ja auch im Sinne des Vereins sein muss. Alle Spieler in der F-Jugend müssen sich entwickeln können, nicht nur ein sehr guter Junge.

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Was ich abschließend noch empfehle oder zumindest anrege, ist ein regelmäßiger Austausch im Training und Spiel. Er soll also zum Beispiel jedes 4 Training bei der F-Jugend trainieren und jedes 5. Spiel bei den E-Jugendlichen spielen. Erstens ist es schon auch wichtig, mit den Jungs mal zu trainieren, mit denen man auch hauptsächlich spielt. Und zwar schon alleine aus sozialen, charakterlichen Gründen. Botschaft: “Ihr seid meine Kumpels und nur weil ich ein Jahr älter trainieren darf, bin ich nichts Besseres.” Das “Ab-und-Zu-Spiel” bei der E-Jugend, bei dem er dann auch wirklich ausreichend Spielzeit haben muss, zeigt dem Jungen auch immer wieder, wohin die Reise geht und was noch fehlt. Man schaut ganz einfach, wo man steht. Denn auch wenn man körperlich unterlegen ist: ein guter Spieler mit viel Selbstbewusstsein kann auch dort dann was bewegen. Und genau das sollte er sich alles in den Spielen in der F-Jugend geholt haben – Technik, Tricks und Selbstvertrauen, um es dann gegen starke Gegner auch mal zu testen. Was zu Beginn noch wenig gelingen wird, aber mit der Zeit wird es das. Und genau dann macht das Wort Jugendausbildung seinem Namen alle Ehre!

Eine gute Fußballzeit!

Euer Michi

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