Die vier größten Irrtümer über Jugendfußball – Teil 4

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Bisher haben wir schon drei große Irrtümer über Jugendfußball näher analysiert und auf ihre Richtigkeit hin überprüft:

  1. Die Kinder brauchen Druck, um zu lernen und sich zu verbessern.
  2. Die Kinder müssen sich stets mit den Besten messen, um weiter zu kommen.
  3. Die Kinder sind gute Fußballer, wenn sie ihre Spiele gewinnen.

Betrachtet man dazu unsere finalen Statements, dann diese Aussagen komplett auf den Kopf gestellt:

  1. Wer Kinder mit Druck trainiert, trainiert sie falsch.
  2. Wer Kinder permanent gegen zu starke Mannschaften spielen lässt, bremst sie in ihrer fußballerischen Entwicklung.
  3. Wer Kinder ganzheitlich ausbilden möchte, muss in den ersten Fußballjahren aufs Gewinnen verzichten können

Es fehlt also noch ein Irrtum, über welchen dringend geredet werden muss. Dies betrifft die weit verbreitete Aussage, dass die jungen Spieler v.a. fit sein müssen, um zu gewinnen und um gute Fußballer zu sein.

Also wird viel gelaufen.  Noch immer gibt es in der F-Jugend Übungseinheiten, in denen Kinder eine halbe Stunde lang Steigerungs- und Intervallläufe machen. Ohne Ball. Mit der Begründung, dass Fitness auf dem Platz das Entscheidende sei. Nun kann man dieser Ansicht durchaus folgen. Doch unter sportwissenschaftlichen Gesichtspunkten ist ein solches Training falsch. Die allgemeine Fitness muss durch die Trainingseffizienz mit trainiert werden, aber darf einfach nicht separater Bestandteil des Trainings sein. Dies verbessert die Ausdauer des Spielers, ohne dass dieser es merkt.

Entscheidend dafür ist die sogenannte Grenzertragslehre. Was verbirgt sich dahinter? Nehmen wir einen achtjährigen F-Jugendkicker. Würde man mit ihm ein Lauftraining machen, würde sich seine Fitness zwar verbessern, allerdings nur einem geringeren Maße als vom Trainer geglaubt. Jahre vor der Pubertät ist sein Testosteronspiegel noch sehr niedrig, weshalb seine Muskeln konditionelle Reize nur beschränkt verarbeiten können. Über diese biologische Barriere, den Grenzertrag, kann nicht hinaustrainiert werden. Ist der Grenzertrag erreicht, wird das Training vom Körper nicht mehr angenommen. Die Trainingszeit ist verschwendet. Im gleichen Alter ist der Grenzertrag bei der Schnelligkeit doppelt so hoch wie bei der Kondition. In den Bereichen Koordination und Technik kann sogar das Vierfache an Erfolgen erzielt werden. Wenn ein Achtjähriger Fitness quasi nebenbei trainieren kann (durch einen intensiven und effizienten Trainingsaufbau!) und in diesem Bereich ohnehin nur beschränkte Fortschritte machen kann, ist es nur konsequent, dass ein Trainer in der F-, E- und D-Jugend seinen Trainingsschwerpunkt auf die Bereiche Technik und Koordination sowie die Schnelligkeit legt, um das maximale aus seinen Kindern herauszuholen. Und dabei muss das Koordinations- und Schnelligkeitstraining zwingend mit Ball ablaufen, damit die Technik hier auch mit trainiert wird. Denn: Mit zunehmenden Alter sinkt der Grenzertrag bei Koordination und Technik wieder. Was ein Spieler bis dahin nicht gelernt hat, kann dann nur noch unter großen Zeitaufwand trainiert werden. Daher muss in jungen Jahren die Zeit für Technik und Koordination verwendet und nicht für Laufeinheiten ohne Ball verschwendet werden.

Ein reines Fitness- oder Lauftraining ist für Kinder Zeitverschwendung und geht zu Lasten der Trainingseffizienz.

Das war es mit unser kleinen Reihe über Irrtümer im Jugendfußball und wie man ihnen begegnen sollten. Wir hoffen, wir haben ein wenig zum Nachdenken anregen können!

Eine gute Fußballzeit!

Euer Michi

Gedanken zu “Die vier größten Irrtümer über Jugendfußball – Teil 4

  1. Brügel Markus

    Hallo Michi,
    mein Name ist Markus,bin Trainer der D-Jugend des FC Öhningen-Gaienhofen.Gleichzeitig bin ich noch jugendkoordinator bei unserem Verein.
    Mit deinen Beiträgen über die Irrtümer im jugendfussball sprichst du mir aus der Seele. Bei unserem Verein herrscht leider immer noch dieses Gewinndenken,wie auch die anderen Punkte.
    Ich werde anhand deines Beitrages versuchen ein umdenken zu erzielen. Schwierig ist es halt überhaupt Trainer zu finden und wenn man ihnen auch noch “Tips”gibt fühlen sie sich überrumpelt.
    Werde es trotzdem versuchen.
    An euch die besten Wünsche und macht bitte so weiter.
    Gruß Markus

    Reply
    1. Michi Schuppke Autor

      Hallo Markus

      vielen Dank für das Lob! Und dir weiterhin viel Kraft und Erfolg für deine Arbeit mit den Spieler und v.a. Trainern:))

      Alles Gute und viele grüße

      Michi

      Reply
  2. Stefanie

    Mein Mann, Trainer zweier Mannschaften (E und F Jugend), trainiert seit über einem Jahr nach der Philosophie der Münchner Fussball Schule.
    Er stellte irgendwann fest, dass sich seine Jungs sich nicht mehr weiterentwickelten. Irgend etwas musste er übersehen. Zum Glück fiel ihm euer Buch Einfach Besser Fussball Spielen in die Hand. Er verschlang das Buch regelrecht, machte sich Notizen und fing an sein Training umzustellen. Wie in dem Buch beschrieben, holte er sich eine blutige Nase.
    Es gab Elternversammlungen, in dem er den Eltern erklärte, was Rotation bedeutet, was effizient ist und was es für Irrtümer im Kinderfussball gibt. Was bedeutet bzw. beinhaltet die Grenzertragslehre ect. . Es gab so viel Gegenwind, dass es fast schon zum Scheitern verurteilt war, was er umzusetzen versuchte. Ich ermutigte ihn weiterzumachen und motivierte ihn in seinem Handeln und tun. Die Kinder lieben ihn, das Training und das Fußballspielen. Kinder und Trainer profitieren von einander. Wir wachsen stetig und fördern die Kinder in allen Belangen, im soz. wie im charaktlichem Bereich. Wir helfen den Kindern, ihre eigenen Stärken zu stärken und ihre Schwächen zu schwächen. Toll, was ihr auf die Beine gestellt habt. Ich bewundere meinen Mann, für seinen Mut, für seine Ausdauer und Geduld. Er formt mit dieser Philosophie kleine intelligente, heranwachsende Menschen, die voller Energie und Tatendrang sind, motiviert und voller Kampfgeist stecken. Er brennt auf dem Platz und seine Jungs mit. Macht weiter so !!!

    Reply
    1. Michi Schuppke Autor

      Hallo Stefanie!

      Ich bin grad sehr sprachlos ob des Lobes! Vielen vielen Dank!

      Und natürlich kämpfen wir weiter für eine bessere Jugendausbildung:)

      Liebe Grüße

      Michi

      Reply
      1. Stefanie

        Hallo Michi,

        gern doch, musste an dieser Stelle mal gesagt werden ;-) Dadurch ist unsere ehrenamtliche Tätigkeit als Trainer und Betreuer Berufung und Leidenschaft geworden und die Jungs lieben es. Klasse das sich unsere Wege bald kreuzen, denn wir kommen im Oktober mit 24 Kindern und 6 Betreuern sowie einen Kameramann zu Euch. Wir haben sogar extra ein Projekt gestartet und sage und schreibe ca. 12.200 Euro dafür zusammen bekommen. Wir haben viel Aufwand dafür betrieben und freuen uns sehr darauf. Mein Mann (Trainer beider Mannschaften) hofft, dass Du und David Zeit für uns habt, da er darauf brennt Euch in einem persönlichen Gespräch kennenzulernen und sich mit Euch unterhalten zu können. Wir sind alle sehr gespannt auf Euch und freuen uns auf Euer Training.

        Betreuerin der SG Schönfließ 2010 e.V.

        Reply
        1. Michi Schuppke Autor

          Hallo Stefanie!

          Natürlich werden David und Ich uns Zeit nehmen. Wir können uns mal hier bei uns im Büro treffen und fachsimpeln:)

          Ich freue mich!

          Liebe Grüße
          Michi

          Reply
  3. Stefanie

    Es gibt kaum besseres als darüber zu fachsimpeln. Ich liebe es mit ihm über Eure Philosophie zu reden. Denn ganzheitlich etwas zu betrachten, obliegt nicht jedem und schon gar nicht es konsequent und ausdauernd umzusetzen, dafür bedarf es an hoher Intelligenz und Fachwissen, Leidenschaft für das was man tut. Das Verständnis dafür und ebenso das gewisse Gefühl ;-)

    Bis zum Oktober !!! :-) LG Stefanie

    Reply
  4. Jochen

    Hallo Zusammen,
    als Lauftrainer aus dem Leichtathletik, der auch ab und zu Fußball – Kids das Laufen lehren darf, muss ich dazu noch etwas anmerken: alles richtig was ihr sagt, aber bitte nicht vergessen, den Kindern über das Lauf ABC die Grundregeln des Laufens beizubringen. Wenn ich bei älteren Spielern sehe, wieviel Kraft sie liegen lassen aufgrund mangelnder Lauftechnik, ist das auch ein Versäumnis der frühen Jugend. Nur ein paar wenige Übungen in jeder Trainingseinheit wie Lauf ABC, sind zum Aufwärmen ohnehin gut geeignet. Dann aber bitte mit den richtigen Korrekturen. Einfach nur Hopferlauf oder Kniehebelauf ausführen lassen, bei welchem der Oberkörper hin und her pendelt, die Beine nach hinten arbeiten, etc. hilft nicht wirklich. Auf der Homepage vom DLV sind gute Videos zum anschauen.
    Viel Spaß weiterhin beim Trainieren
    Gruß Jo

    Reply
    1. Michi Schuppke Autor

      Hallo Jochen,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Wir machen viel Lauf ABC Übungen in den jungen Ausbildungsjahren. Da denken wir schon gleich. Nur machen wir das nicht isoliert. Sondern lassen das Kind im Anschluss an die Lauf ABC Übung eine Ballannahme mit anschließendem Torabschluss machen. Dabei steht der Abschluss nicht im Fokus. Sondern die rein koordinativen Übungen und auch hier wird korrigiert. Wenn dann der Torschuss über das Tor geht, dann interessiert das in diesem Fall nicht. Da es sich eben um ein Koordinationstraining und nicht um ein Techniktraining handelt.
      Viele Grüße

      Michi Schuppke

      Reply
  5. Rene

    Zwei Punkte die mir auffallen.
    1. Selbst in den unteren Jahrgängen ist das Siegen bzw. der Punktgewinn der Maßstab. Auch gefördert durch die Tabellen und deren Platzierungen. Dort müßte eine generelles Umdenken der Organisatoren stattfinden. Als es sollte die zentrale Frage geklärt werden, ab wann der Wettbewerb öffentlich und medial unterstütz werden soll.

    2. Gehst du den anderen Weg und konzentrierst du dich auf die Ausbildung der Persönlichkeit in Kombination mit den körperlichen und fussballerischen Aspekten, mußt du dich vom Gedanken das nächste Spiel gewinnen zu wollen, komplett verabschieden. Und dazu benötigt es eine starke Persönlichkeit, dich vereinsinternen und öffentlichen Zwängen und Erwartungen entgegen zu stellen. Das kann mit unter auch sehr anstrengend sein.

    Wenn die Strukturen in den Vereinen aber ausgelegt sind in Richtung Punkt 1, bist du mit dem Ansatz Punkt 2 ein leistungsschwaches Team, was ggf. weniger Zustimmung hat als eine 1. Mannschaft. Es ist ein Privileg in der der 1.E zu spielen – warum eigentlich?

    Daher gehören meiner Meinung nach alle Tabellen im Ausbildungsalter abgeschafft. ;-)

    Reply
  6. Carsten Klatt

    Hallo Michi, glaubst Du, dass sich bei zweimal 90 Minuten Training pro Woche wirklich die Schnelligkeit (statt Ausdauer) signifikant verbessern lässt? Viele Grüße Carsten

    Reply
    1. Michi Schuppke Autor

      Hallo Carsten,

      meinst du zweimal Schnelligkeitstraining pro Woche über 90 Minuten? Oder Schnelligkeit wird mittrainiert in den beiden Gesamteinheiten?

      Viele Grüße

      Michi

      Reply

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